Chronik des Gymnasiums Papenburg

Die ersten hundert Jahre

1. Vorstufen

Als Dietrich von Velen 1630 die „Papenborch“ vom Bischof von Münster übertragen bekam und im folgenden Jahr den Plan fasste, im Moor rund um die verfallene Burg Kolonisten anzusiedeln, war von Schule und Unterricht noch nicht die Rede. Papenburg blieb in den ersten Jahrzehnten ein nur kleiner Ort. 1662 – 30 Jahre nach der Gründung – gab es in Papenburg erst 14 Häuser, und am Ende des Jahrhunderts (1699) waren es 74. Der erste Schulunterricht fand nach der Errichtung der Kirche St. Antonius 1680 in der neben der Kirche stehenden Schule statt, die deshalb Kirchschule genannt wurde. Kirche und Schule standen damals auf dem Eckgrundstück Hauptkanal/Friederikenstraße. Die Ämter des Lehrers, des Küsters und später auch des Organisten waren lange Zeit in einer Person vereinigt. Erst als Papenburg im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich aufblühte, als Schifffahrt, Schiffbau und Handel immer mehr das Bild der Stadt bestimmten, entstand das Bedürfnis nach einer über die Grundkenntnisse hinausgehenden Schulbildung.

1.1 Die Privatschulen

Diesem Bedürfnis kam eine Privatschule entgegen, die um 1830 an der Friederikenstraße von dem Kandidaten der Philologie Theodor Eylert gegründet wurde. Er unterrichtete seine Schüler in Französisch und in verschiedenen Realfächern, um sie so vor allem für kaufmännische Berufe oder die Seefahrt vorzubereiten. Offenbar überwog das Interesse für die letztere Sparte, denn bald wandelte Eylert seine Schule in eine private Navigationsschule um, die dann 1851 vom Staat übernommen und zur Königlichen Navigationsschule erhoben wurde. Die ursprüngliche Privatschule an der Friederikenstraße wurde zwar auch noch von anderen Privatlehrern weitergeführt, genügte aber bald den Ansprüchen nicht mehr. Ein Antrag an das Königliche Ministerium in Hannover, eine weiterführende Schule in Papenburg einzurichten, wurde dahingehend beschieden, das Ministerium sei bereit, einen jährlichen Zuschuss von 350 Talern zu einer solchen Schule zu geben, die Stadt müsse aber 1000 Taler jährlich garantieren und zudem das Schulhaus stellen und unterhalten. Außerdem verlangte das Ministerium das Recht, allein über die Lehrereinstellung und den Lehrplan zu befinden, wollte also die volle Aufsicht über die Schule. Das entsprach nun keineswegs den Vorstellungen von Bürgermeister und Gemeindevorstand, die ein stärkeres Mitspracherecht einforderten. Da es zu keiner Einigung kam, beschritt man in Papenburg einen anderen, etwas ungewöhnlichen Weg, um an eine weiterführende Schule zu kommen.

1.2 Schule als Aktiengesellschaft

Der Pfarrer der Antoniusgemeinde, J. B. Schulte, wurde beauftragt, die Grundzüge für eine private höhere Bürgerschule zu entwerfen, und einige Mitglieder des Gemeindevorstandes, allen voran der Senator Anton Klasen, übernahmen es, sich um die Finanzierung zu kümmern. Im „Schifffahrts- und Anzeigenblatt“ vom 16. Juni 1850 erschien ein Aufruf an die Papenburger Bürger zu einer Versammlung, um über die Errichtung einer weiterführenden Schule zu beraten. Am 18. Juni 1850 trafen sich 33 Papenburger im „Bueren'schen Clublokale“, und es wurde beschlossen, durch eine Aktiengesellschaft das für die Schule notwendige Kapital zu beschaffen. Ebenso wurden die von Pfarrer Schulte ausgearbeiteten Grundzüge für die Schule gebilligt. Daraufhin wurden in den folgenden Wochen Aktien zu einem Nennwert von 25 Talern vor allem unter den Papenburger Bürgern vertrieben, und bald stand ein Anfangskapital von 2775 Talern zur Verfügung. Damit kaufte man Grundstück und Haus des Kapitäns Hermann Kramer am Hauptkanal links Nr. 66 für etwa 2000 Taler. Auf diesem Grundstück ist die Papenburger Schule bis 1959, dem Jahr des Umzugs in den Neubau an der Russellstraße, geblieben. Der Umbau des Hauses zur Schule, die übrigen Kosten und die Lehrergehälter sollten aus der verbleibenden Summe und dem Schulgeld finanziert werden. Die Schüler bezahlten in der untersten Klasse 16 Taler, in der zweiten 20 Taler und in der dritten 24 Taler pro Jahr.

Die neue Privatschule bestand also aus drei Klassen. Ihre Ziele wurden in den „Statuten für die höhere Bürgerschule zu Papenburg“ so formuliert:

Der Zweck dieser Lehranstalt ist, eine Gelegenheit zur Gewinnung einer weiteren Ausbildung darzubieten, als in unseren Elementarschulen erlangt werden kann. Es sollen darin die Knaben, welche Schiffer werden wollen, in ihren Kenntnissen so weit gefördert werden können, dass sie später durch einjährigen Besuch der Navigationsschule zum Bestehen der Steuermannsprüfung sich befähigen können; diejenigen, welche sich für die Handlung ausbilden wollen, so weit, dass sie Lehrlingsstellen auf guten Comptoirs oder in guten Handlungen antreten; die aber, welche zu den höheren Studien übergehen wollen, auch so weit, dass sie mit dem vollendeten 14. oder 15. Lebensjahr in die mittleren Klassen eines Gymnasiums eintreten können.

Die Schule war im wahrsten Sinne des Wortes eine Privatschule, denn nicht einmal ihre Existenz war den Schulbehörden bekannt. Als im Jahre 1860 ein Streit um den Deutschunterricht an der Königlichen Navigationsschule zu einem Leserbrief in der Ems-Zeitung führte, kam es zu erstaunten Anfragen zwischen der Königlichen Landdrostei in Aurich, dem „Königlich Hannoverschen Katholischen Consistorium“ in Osnabrück und dem Ministerium in Hannover, was es denn mit der Höheren Bürgerschule in Papenburg auf sich habe. Schließlich wurde Pfarrer Schulte als „Präses der Schule“ und Mitglied der Schulkommission aufgefordert, einen Bericht über die Schule zu geben. Er nutzte die Gelegenheit, auf die Unzulänglichkeiten und schwierigen finanziellen Verhältnisse der Schule hinzuweisen:

Die sogenannte höhere Bürger-Schule ist bis jetzt eine Privatanstalt. Die Kinder, welche dieselbe besuchen, müssen nebst dem hohen Schulgelde auch noch das Schulgeld der Volksschullehrer bezahlen. Es wäre zu wünschen, dass sie zu einer öffentlichen Schule unter annehmbaren Bedingungen erhoben würde, und durch Erniedrigung des Schulgeldes recht vielen Knaben die Gelegenheit zu einer größeren Ausbildung, als ihnen in der Volksschule gegeben werden kann, geboten wird, (Knaben,) welche hier mehrenteils dem Schifferstande angehören und sich auch demselben wieder widmen, und sich auf diese Weise hier ein Schifferstand bilden könnte, wovon das Gesetz über die Steuermannsprüfung sagt: Die Schiffer sollen den gebildeten Ständen zugerechnet werden. Es wäre dann auch noch zu wünschen, dass die hier bestehende Privat-Anstalt zu einer öffentlichen erhoben und noch vollständiger eingerichtet würde, damit die Bildung allgemeiner in Papenburg würde, weil diese im Verhältnis zu den Geschäften und zeitlichen Mitteln nicht so sehr fortgeschritten ist.

Doch die Bitte blieb zunächst ohne Gehör, die Behörden sahen keinen Anlass, an den Schulverhältnissen in Papenburg etwas zu ändern. Die Situation der Schule wurde immer kritischer, weil die Schülerzahl, die zeitweilig 69 betragen hatte, bis zum Jahre 1868 auf 29 absank.

Wirtschaftlich hingegen erlebte Papenburg in dieser Zeit einen beträchtlichen Aufstieg. 1853 hatte die Gemeinde dem Grafen von Landsberg-Velen die gutsherrlichen Besitzungen und Rechte für 100 000 Taler abgekauft, 1860 erhielt sie vom Hannoverschen Innenministerium die Stadtrechte. Die neue Hannoversche Westbahn hatte 1856 ihren Betrieb aufgenommen und Papenburg endgültig an das Eisenbahnnetz angeschlossen; der Ausbau der Seeschleuse stand bevor. 1866 waren in Papenburg 200 Seeschiffe beheimatet, und in der Stadt gab es 50 Schiffsreedereien. Die als neutral anerkannte Papenburger Flagge hatte den Papenburger Kaufleuten besonders während des Krimkrieges beträchtliche Gewinne beschert.

So lag es nahe, dass der erste hauptamtliche Bürgermeister der neuen Stadt, Emil Russell, schon bald nach seinem Amtsantritt versuchte, statt der kränkelnden Privatschule eine öffentliche städtische Schule mit einer soliden finanziellen Basis zu schaffen. Er schrieb dazu:

Wenn die Stadt in ihrer Entwicklung nicht stehen bleiben will, wenn sie nicht durch die allseitige Konkurrenz unserer überall mit Dampf und Intelligenz arbeitenden Zeit überflügelt werden will, dann ist eine tüchtige Reallehranstalt ein unbedingtes Erfordernis.

Doch erst nachdem Papenburg 1866 mit dem Königreich Hannover an Preußen gefallen war, kam Bewegung in die lange erörterte Schulfrage. Nach zähen Verhandlungen mit den Behörden und den Aktionären der bisherigen Privatschule war endlich 1869 der Weg frei für eine neue öffentliche und städtische Schule.

2. Bürgerschule und Progymnasium

2.1 Die Städtische Höhere Bürgerschule 1869 - 1882

Fundament der neuen Schule war die bisherige Privatschule. Fast alle Aktionäre erklärten sich bereit, ihre Aktien der Stadt zu schenken. Auch das Schulgebäude mit Inventar wurde zunächst auf drei Jahre und dann endgültig kostenlos der Stadt überlassen. Der Provinzialschulrat Schmalfuß beriet die Stadt bei ihren Plänen und legte einen Entwurf für eine „höhere Schule mit realem Lehrplan“ vor, die nach dem preußischen Normalplan von 1859 „Höhere Bürgerschule“ hieß. Finanziert wurde die Schule durch das Schulgeld der Schüler, einen Zuschuss des Landes Preußen, einen Beitrag der Hannoverschen Klosterkammer, die das seit dem Jahre 1803 säkularisierte Kirchengut des Königreichs Hannover verwaltete, und im übrigen durch die Stadt Papenburg. Als schließlich der Bürgermeister Russell am 25. Oktober dem neuen Rektor der Schule die Schlüssel überreichen konnte, hatte er sein zäh verfolgtes Ziel erreicht.

Zum ersten Schulleiter war im September 1869 der Gymnasiallehrer Hermann Brandi aus Meppen gewählt worden. Außer ihm wurden die wissenschaftlichen Lehrer Gustav Overholthaus, Johannes Diekmann und Christian Bußmann eingestellt. Bußmann war schon vorher an der privaten Bürgerschule tätig gewesen.

Die Schule begann wie die frühere Privatschule mit drei Klassen, in denen 60 Schüler unterrichtet wurden. Sie wurde dann in den folgenden Jahren zu einer siebenjährigen Schule ausgebaut, die bis zur sogenannten Primareife führte, d. h. sie schloss mit der Obersekunda, der heutigen Klasse 11, ab. So fand also 1874 die erste Abschlussprüfung, damals auch Abitur genannt, statt. Alle fünf Obersekundaner bestanden die Prüfung. Daraufhin wurde die Schule als eine „zu gültigen Entlassungsprüfungen berechtigte höhere Bürgerschule“ anerkannt. Ihre Absolventen konnten in die Prima (heute Klasse 12) eines Gymnasiums eintreten oder sich zum einjährigen freiwilligen Militärdienst melden – daher der Name „Einjähriges“ für diese Prüfung.

Die Höhere Bürgerschule war nach ihrem Statut von 1871 eine städtische Schule. Damit war die Stadt nicht nur Schulträger im heutigen Sinn, sondern die städtischen Kollegien wählten auch den Rektor der Schule und die Lehrer, die angestellt werden sollten. Der Schulbehörde blieb lediglich die Bestätigung der Wahl oder der Einspruch. Der Stadtkämmerer erhob das Schulgeld, dessen Höhe von der Stadt festgelegt wurde. Außerdem hieß es in § 2 des Statutes: „Der konfessionelle Charakter der Schule ist der katholische. Demnach müssen sowohl die Mitglieder der Schulkommission als auch die Lehrkräfte der katholischen Confession angehören.“

Die Bürgerschule zeigte in den ersten Jahren ihres Bestehens eine ruhige, beständige Entwicklung. Obgleich der erste Rektor Hermann Brandi die Schule bereits nach vier Jahren verließ, weil er in die Schulbehörde und schließlich in das preußische Kultusministerium nach Berlin berufen wurde, hatte er doch in diesen wenigen Jahren der Schule ein festes Fundament gegeben. Die Schülerzahl stieg kontinuierlich und erreichte unter dem zweiten Rektor Dr. Theodor Erdmann im Jahre 1877 mit 142 Schülern einen ersten Höchststand.

2.2 Das Realprogymnasium 1882 - 1907

1882 wurde die Schule auf Grund der allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen in Realprogymnasium umbenannt. Das hatte nur geringe Auswirkungen auf den Lehrplan. Durch die Benennung wurde aber deutlich, dass die Schule dem Realgymnasium zugeordnet war, einer Schulart, die im Unterschied zu den humanistischen Gymnasien, in denen die alten Sprachen Griechisch und Latein im Mittelpunkt standen, ihr Schwergewicht in den neueren Fremdsprachen, Mathematik und den Naturwissenschaften hatte. Größere Auswirkungen hatte es, dass die Realprogymnasien im folgenden Jahre das Recht erhielten, den Schülern schon nach einjährigem Besuch der Sekunda (heute Ende der Klasse 10) die Berechtigung zum einjährigen freiwilligen Militärdienst ohne besondere Abschlussprüfung zuzusprechen. Nun verließen fast alle Schüler die Schule zu diesem Zeitpunkt, denn der Besuch der Obersekunda (Klasse 11) und die Abschlussprüfung waren nur noch für diejenigen erforderlich, die die Prima eines Gymnasiums besuchen wollten und ein Universitätsstudium anstrebten. So bestand die Obersekunda in den nächsten Jahren nur aus zwei bis fünf Schülern.

Im Jahre 1892 verloren dann alle Progymnasien die Obersekunda; die Schulzeit wurde auf sechs Jahre reduziert, aber das „Einjährige“ wurde jetzt wieder vom Bestehen einer Prüfung abhängig gemacht. In dieser Form hat das Realprogymnasium in Papenburg bis zum Jahre 1907 bestanden. Im Durchschnitt wurde es von etwa hundert Schülern besucht.

Ausbau zum Realgymnasium

3. Unterricht und Schulordnung um 1900

3.1 Unterrichtszeit und Silentium

Unterricht wurde in den ersten Jahrzehnten der Schule am Vormittag von 8 bis 12 Uhr und am Nachmittag von 14 bis 16 Uhr erteilt. Die weiter entfernt wohnenden Schüler durften sich während der Mittagspause ohne Aufsicht im Schulgebäude aufhalten, doch hat das ganz offensichtlich ständig zu Ärger geführt. Häufig wurden die Schüler verwarnt und aufgefordert, das Inventar zu schonen, sich ruhig zu verhalten etc., denn die Nachbarn führten immer wieder Klage über das Verhalten der Schüler.

Um diesen Unzuträglichkeiten ein Ende zu bereiten, aber auch aus anderen Gründen wurde im Herbst 1904 der Nachmittagsunterricht auf den Vormittag verlegt. Nur der evangelische Religionsunterricht und Turnen fanden weiterhin am Nachmittag statt. Der Schulleiter Dr. Nolte schrieb dazu im Schulprogramm von 1905:

Diese Einrichtung [sc. die Verlegung des gesamten Unterrichts auf den Vormittag] bedarf in gesundheitlicher und erziehlicher Hinsicht keiner Verteidigung mehr. Sie bestand in zahlreichen Städten seit vielen Jahren und wurde, soweit sich ermitteln ließ, nirgends wieder aufgegeben. Eine ganze Reihe von königlichen Lehranstalten ging ohne jede Nachfrage bei den Eltern und lediglich deshalb zu ihr über, weil sie für die Schule in geistiger und leiblicher Beziehung förderlicher ist. In Papenburg drängte dazu außerdem der eigenartige Anbau der Stadt. Ihre unverhältnismäßige Längenausdehnung verhinderte einen nicht unerheblichen Teil der Schüler, mittags bei den Eltern zu speisen. In den Akten der Anstalt findet sich ein gerichtlich behandelter Fall erwähnt, dass zwei Schüler zufolge dessen jahrelang an keinem Wochentag eine warme Mahlzeit erhielten. [...] Und drittens genossen die meisten Bewohner des abgelegenen Obenendes der Stadt vom Realprogymnasium, obwohl sie doch auch ihr Scherflein dazu beisteuern, überhaupt keinen Vorteil. Da sie größtenteils nicht in der Lage sind, ihre Kinder daheim für eine höhere Klasse auszubilden, so blieben ihre Söhne, so brav und tüchtig sie auch sein mochten, vom Besuch des Realprogymnasiums so gut wie ausgeschlossen, denn Kinder schon im Alter von 9 - 12 Jahren in eine stundenweite Schule zu schicken, wo sie ohne eine andere Stärkung als ihr mitgebrachtes Butterbrod bis zum späten Nachmittag verweilen müssen, ist schlechterdings nicht angängig.

Doch auch in den Jahren, in denen noch regelmäßig Nachmittagsunterricht erteilt wurde, war den Schülern die Zeit für ihre Hausarbeiten (Silentium) genau vorgeschrieben. Am 7. Oktober 1870 wird festgelegt:

Von jetzt an tritt für alle Klassen [...] das Silentium ein. Dabei ist folgendes zu beachten:

  • 1. Jeder Schüler muss täglich von 5-7 Uhr nachmittags in seiner Wohnung verbleiben, Sonn- und Feiertage ausgenommen.
  • 2. Nach 7 Uhr abends ist das Verlassen des Hauses gar nicht mehr gestattet, auch an Sonntagen nicht [...]
  • 4. In allen dringlichen Fällen, wo ein Schüler das Silentium glaubt nicht ordnungsgemäß halten zu können, muss rechtzeitig vom Ordinarius Urlaub geholt werden.

Es gehörte zu den Aufgaben der Lehrer zu überprüfen, ob das Silentium auch eingehalten wurde. Später wurde die Zeit für das häusliche Silentium differenziert. Sie betrug seit 1886 für die jüngsten Schüler eine Stunde, für die ältesten drei Stunden.

3.2 Verhalten außerhalb der Unterrichtszeit

Auch für das Verhalten der Schüler außerhalb der Unterrichtszeit gab es zahlreiche Anordnungen. Sie waren in der Schulordnung zusammengefasst. Daraus einige Abschnitte, wie sie im Schulprogramm von 1877 abgedruckt sind:

  • 14. Auswärtige Schüler dürfen ihre Wohnung nur nach vorgängiger Genehmigung des Rektors wählen. Das Haupt der Familie, in welcher ein solcher Schüler Wohnung nimmt, verpflichtet sich, die Aufsicht über seinen häuslichen Fleiß und sein Betragen zu übernehmen, um der Schule gegenüber als Stellvertreter des Vaters zu handeln. Gewinnt die Schule die Überzeugung, dass ein solcher Schüler nicht die nötige Aufsicht hat oder dass die Verhältnisse, in denen er lebt, der Sittlichkeit nachteilig sind, so kann die Direktion von den Eltern eine Änderung dieser Verhältnisse, resp. einen Wechsel der Wohnung verlangen.
  • 15. Auch außerhalb der Schule wird jedem Zögling derselben ein anständiges, gesittetes und bescheidenes Betragen zur Pflicht gemacht. Auf dem Wege zur Schule und aus der Schule hat sich derselbe jeden Schreiens, Lärmens etc. zu enthalten und ist jeder ungerechtfertigte Aufenthalt auf der Straße von ihm zu vermeiden.
  • 16. Zusammenkünfte von Schülern zu Trinkgelagen, Kartenspiel und anderen ihre sittliche und wissenschaftliche Ausbildung beeinträchtigenden Zwecken sind streng untersagt.
  • 17. Vereine von Schülern, zu welchem Zwekke es auch sei, dürfen nur mit Genehmigung der Direktion bestehen.
  • 18. Das Tabakrauchen in der Öffentlichkeit ist verboten.
  • 23. Der Besuch aller Wirthshäuser und Konditoreien, Billards etc. in der Stadt ohne Begleitung ihrer Eltern und ohne vorher von dem Ordinarius eingeholte Erlaubnis auch außerhalb der Stadt ist allen Schülern untersagt.

Zum letzten Abschnitt schien dem Rektor Dr. Erdmann eine Erläuterung erforderlich, und deshalb fügte er hinzu:

In Bezug auf diesen Punkt richten wir im Interesse der Schule an alle Restaurateure, Gastwirthen, Konditoren etc. die ernste Bitte, nicht durch Duldung oder gar Begünstigung eines gesetzwidrigen Treibens der Schüler unserer Anstalt ein verschulden auf sich zu laden oder gar die Schule zu unliebsamen Maßregeln zu drängen. Oft bleiben der Schule grobe Übertretungen der Schulgesetze seitens der Schüler längere Zeit verborgen, während sie offen vor den Augen von Leuten aus dem Publikum liegen.

Schließlich wurde im Schulprogramm von 1906 den Gastwirten angedroht, dass „Übertretungen [...] bei der Ortspolizei klagbar gemacht werden und dazu führen, dass ihnen der Ausschank entzogen wird.“ Wie nicht anders zu erwarten, wurde das Gebot häufig übertreten, und so wurden immer wieder Strafen über Schüler verhängt, die beim Besuch einer Gastwirtschaft ertappt worden waren. Hier als Beispiel die Bestrafung eines Schülers aus dem Jahre 1885, die allen Schülern zur Abschreckung durch das „Publikandum“ mitgeteilt wurde:

Der Untersekundaner Johann Breymann hat in der vorigen Woche die Wirtschaft der Ww. Eisenbart auf dem Obenende besucht, trotzdem dass der Ordinarius der Sekunda noch wenige Tage vorher ernstlich seine Schüler vor dem Wirthshausbesuche gewarnt und sie auf die Folgen der Übertretung des betreffenden Schulgesetzes aufmerksam gemacht hatte. Eine derartige Missachtung der Schulordnung musste prompt geahndet werden. Das Lehrerkollegium hat demnach in der Konferenz vom 17. d. M. beschlossen, den Breymann mit 2 Stunden Carcerstrafe zu belegen und ihm im Wiederholungsfalle das Consilium abeundi [d. h. die Androhung der Verweisung von der Schule, d. Verf.] zu ertheilen.

Das Lehrerkollegium

gez. Erdmann

Außer dem Besuch der Wirtshäuser war auch die Benutzung öffentlicher Leihbibliotheken verboten. Jeder Privatunterricht, wozu auch Musik- und Tanzstunden gehörten, war nur mit Einwilligung des Rektors gestattet.

3.3 Kleidung, Gesundheit, Baden

Die Schüler höherer Schulen waren in der Öffentlichkeit an den bunten Schülermützen zu erkennen; jede Klassenstufe hatte ihre eigenen Farben. Die Schule legte Wert darauf, dass diese Mützen von jedem auch außerhalb der Schule stets getragen wurden. Nun gab es aber schon im vorigen Jahrhundert einige Nonkonformisten, die den Strohhut der Schülermütze vorzogen und damit nach Meinung des Rektors und der Lehrer die Schulordnung gefährdeten. Es scheint, dass sie als Begründung die Erhaltung ihrer Gesundheit vorgebracht haben, denn in einem „Publicandum“ vom 8. Mai 1889 wird den Schülern mitgeteilt: Das Tragen von Strohhüten kann vorläufig nur auf Grund eines ärztlichen Attestes gestattet werden.

Doch war die Diskussion über die Strohhüte damit wohl noch nicht beendet, denn kurze Zeit später wird das Verbot gemildert: Von jetzt an soll den Schülern das Tragen von Strohhüten gestattet sein, ausgenommen jedoch, wenn sie an Sonn- und Feiertagen zur Kirche geführt werden und überhaupt des Abends nach 7 Uhr.

Die Einstellung zum Baden im Freien hat sich im Laufe der Jahre ganz erheblich verändert. Zunächst heißt es in einer Mitteilung an die Schüler 1870:

Es ist unseren Schülern ein für allemal strenge verboten, im Freien zu baden. Zu geeigneter Zeit wird durch das Publikandum mitgetheilt werden, wann und wo das Baden demnächst gestattet werden kann.

Einige Jahre später wird das Baden unter Aufsicht eines Erwachsenen und an den von der Schule bezeichneten Stellen gestattet. Im Sommer 1884 erhalten die Schüler genaue Anweisungen über das Verhalten beim Baden:

Papenburg, den 5. Juli 1884

Wegen der großen Hitze fällt heute der Nachmittagsunterricht aus. – Es sind Klagen laut geworden über das Verhalten einzelner Schüler beim Baden. Indem die Schule hofft, dass in Zukunft seitens unserer Schüler keine Veranlassung zu derartigen Klagen gegeben wird, macht sie darauf aufmerksam, dass das Baden für die Gesundheit nachtheilig ist, wenn man länger als 10 Minuten im Wasser verweilt. Auch ist dafür zu sorgen, dass der Körper beim Baden stets in Bewegung bleibt und der Kopf durch öfteres Untertauchen stets feucht gehalten wird. – Ist ein Schüler mit dem Baden fertig, so hat er sich sofort anzukleiden und dann nach Hause zu begeben.

gez. Erdmann

Der im Jahre 1904 zum Schulleiter berufene Dr. Hans Nolte hatte jedoch ganz andere Vorstellungen von sportlicher Betätigung und damit auch vom Baden. Er führte seit dem Jahre 1906 Freischwimmerlisten in der Schule, in die sich jeder Schüler eintragen durfte, der zehn Minuten lang schwimmen konnte, später jeder, der sich dreißig Minuten über Wasser halten konnte.

Da die weiten Schulwege bei Wind und Wetter die Schüler körperlich strapazierten, sorgte sich die Schule um die Gesundheit der Schüler, und deshalb wurde ihnen geraten (Schulprogramm 1905):

1. die Bücher in einem Rucksack zu tragen, 2. sich bei naßkalter Witterung mit dicksohligem Schuhwerk, dicken Strümpfen (oder einem zweiten Paar) und einem wasserdichten Havelock oder Radmantel zu bekleiden. Nasse Mäntel können bei der Schulwärterin zum Trocknen aufgegeben werden. Sie nimmt auch unentgeltlich Ersatzkleider zum Wechseln in Verwahrung.

3.4 Ein Wandertag der Schule im Jahre 1906

Klassenfahrten und Wandertage waren in den ersten Jahrzehnten der Schule unbekannt. Erst um die Jahrhundertwende begannen sie, Teil des Schullebens zu werden. Der wohl erste Wandertag der gesamten Papenburger Schule fand im Jahre 1906 statt. Im Schulprogramm der Schule wird mit erkennbarem Stolz berichtet:

Die drei unteren Klassen wanderten, begleitet von den jüngeren Lehrern der Anstalt, zum städtischen Gehölz und von hier nach Einnahme eines Frühstücks zum städtischen Förster, bei dem die Quintaner und Sextaner [heute Klassen 6 und 5] zu Mittag aßen. Den Rückweg legten sie durchs Moor zurück. Die Quartaner [heute Klasse 7] speisten in dem entfernter gelegenen Dorf Schleinhege und kehrten etwas später heim.

Die Tertianer und Sekundaner [heute die Klassen 9 - 11] unternahmen einen Ausflug nach Sögel. Diejenigen, die sich zur Radfahrt nicht angemeldet hatten – im ganzen zehn [...] fuhren in Begleitung der Ordinarien der Tertia bald darauf mit der Bahn. Die Radfahrer 43 an der Zahl – stellten sich zunächst zu einer mit Einberechnung der Abstände über fünf Minuten langen und in sechs Abteilungen gegliederten Reihe auf und setzten sich dann unter Leitung des Direktors nach einem alle Vorkommnisse einer längeren Radfahrt bedenkendem Plane in Bewegung. Die Fühlung mit der Spitze unterhielten Pfeifensignale der Abteilungsführer. Die schlimmste Strecke begann an der Papenburger Grenze, wo die Heerstraße in einen traurigen, für Radler nur dicht am Kanal befahrbaren Feldweg übergeht. Hier wurde fortgesetzt langsam und mit weiten Abständen gefahren. Bis zur Ankunft am Fuße der den Kanal beschließenden Bodenerhebung verliefen fast zwei Stunden. Bei dem an der Abdachung errichteten Glockengerüst genossen die Schüler im Anblick der endlosen Moorfläche und des in verschleierter Ferne entschwindenden Kanals die erste Rast. Eine zweite verbrachten sie bei den sehenswerten Hünengräbern der Stadt Börger. Gegen halb eins langten sie endlich in Sögel an, wo die mit der Bahn hergereisten Lehrer und Schüler inzwischen bereits eingetroffen waren. Herr Gastwirt Dinklage hatte ein Mittagessen vorbereitet, das selbst die kühnsten Erwartungen befriedigte. Nach der Mahlzeit besichtigten die Schüler das Schloß Clemenswerth. Wegen der für einen Septembertag ganz ungewöhnlichen Hitze musste von jeder Fortsetzung der Radfahrt abgesehen werden: Die Bahnreise von Sögel nach Lathen und von Lathen nach Aschendorf wird zu den minder schönen Erinnerungen des Ausflugs zählen, denn das Hümmlinger Vizinalbähnchen gewährte ungeachtet seiner fürchterlichen Preise keinerlei Ermäßigung, und auf der Staatsbahn musste für die Fahrräder dasselbe Fahrgeld bezahlt werden wie für die Radler. So verlangt es der § 12 der Eisenbahn-Verkehrsordnung. Von Aschendorf nach Papenburg traten wieder die Räder in Gebrauch. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit befanden sich alle Schüler wohlbehalten daheim. Keiner von ihnen hatte irgendeinen nennenswerten Unfall erlitten.

3.5 Politische Ereignisse und staatliche Gedenktage

Ein Jahr nach Eröffnung der Höheren Bürgerschule begann 1870 der deutsch-französische Krieg. Die damals in Deutschland verbreitete nationale Begeisterung fand auch in der Schule ihren Widerhall. Den Schülern wurde am 26. Juli mitgeteilt: Auf höhere Anordnung findet morgen in allen Kirchen des Landes ein feierlicher Gottesdienst statt, um Gottes Segen auf unsere bewaffneten Brüder und ihr schweres Werk herabzurufen. Die Schüler unserer Anstalt sind verpflichtet, an der kirchlichen Feier teilzunehmen und soll deshalb morgen der Unterricht ausfallen.

Dieses nationale Hochgefühl wird noch deutlicher zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914:

An den meisten Feiertagen versammelten sich sämtliche Schüler nach der dritten Morgenstunde im Freien oder bei ungünstiger Witterung im Schulhause, um die neuesten Nachrichten von den Kriegsschauplätzen nebst darauf bezüglichen Gedichten und Vorträgen anzuhören und der hierdurch erweckten Stimmung durch begeisterte Lieder und Hochrufe Ausdruck zu verleihen. (Schulprogramm 1915)

Am Sedanstag, dem nationalen Feiertag der Kaiserzeit zur Erinnerung an den Sieg über Frankreich bei Sedan im Jahre 1870, versammelten sich alljährlich Lehrer und Schüler zu Feierstunden oder Umzügen. So lesen wir zum Beispiel im Schulprogramm 1906:

Die Schüler ordneten sich frühmorgens auf dem Schulplatze zu einem Festzuge mit der Fahne und der Schülerkapelle an der Spitze. Den Schluß bildeten die Radfahrer auf malerisch buntgeschmückten Rädern. Nachdem Oberlehrer Austermann kurz an die Bedeutung des Tages erinnert und das Kaiserhoch ausgebracht hatte, begab sich der Zug vor das nahegelegene Haus des Fabrikbesitzers Jos. Dieckhaus [Dieser hatte die Schule vielfach und großzügig unterstützt, d. Verf.], um ihn durch ein Musikstück und ein dreimaliges Hoch zu ehren. Dann zogen die Schüler unter Musikbegleitung am Hauptkanal entlang und über die Wiek bis zum Mittelkanal, wo sich der Festzug auflöste.

Zu einer dieser Feierstunden, die in der Regel aus Deklamationen, Reden, Musik und Gesang bestanden, schrieb der Schulleiter Dr. Hans Nolte ein Theaterstück „Deutsche Selbstachtung“ in dem er zwei deutsche Primaner Fritz und Wilhelm im Kolosseum in Rom in einer Mondscheinnacht mit dem Geist Ciceros diskutieren lässt. Die beiden deutschen Schüler preisen ihr Vaterland und ihren Kaiser, und am Ende erkennt sogar Cicero an, dass Deutschland für seine Leistungen in der Poesie, den Künsten und Wissenschaften die Siegespalme gebührt. Die alten Römertugenden, so meint er, seien nur in Deutschland lebendig geblieben. Die Nachfahren der alten Römer hingegen sind arg heruntergekommen; sie erscheinen als Banditen, die die Fremdlinge überfallen und ausrauben wollen. Doch die wissen sich mit ihrer Pistole zu wehren, und der Geist Ciceros ruft erstaunt aus:

„Wer bist du, Fremdling, der mit Blitzen und Donnerkeil sich weiß zu schützen?“

4. Das Städt. Realgymnasium 1907 - 1936

4.1 Die Erweiterung der Schule

Der Wunsch, ein vollausgebautes Gymnasium zu haben, war schon alt. Bereits im ersten Jahresbericht der höheren Bürgerschule von 1874 schrieb Rektor Erdmann, es sei „gegründete Hoffnung vorhanden, dass die Stadt Papenburg in wenigen Jahren einer vollständigen höheren Schule, einer Realschule I. Ordnung, sich erfreuen wird“. Doch es vergingen mehr als dreißig Jahre, bis sich die Hoffnung erfüllte. Das Ende der Segelschiffahrt und des Holzschiffbaus führte in Papenburg zu schweren wirtschaftlichen Rückschlägen, die sich auch in einem Absinken der Schülerzahl des Progymnasiums niederschlugen. Erst um die Jahrhundertwende brachten Handel und neu in Papenburg angesiedelte Industrien wieder steigenden Wohlstand. So fand das Bestreben Dr. Hans Noltes, der seit 1904 die Schule leitete, bei den Vertretern der Stadt volle Unterstützung, obgleich die finanziellen Mehrausgaben, die zum größten Teil die Stadt tragen musste, beträchtlich waren. Am 7. Dezember 1904 beschlossen die Bürgervorsteher einstimmig, das Realprogymnasium vom folgenden Schuljahr an zu einer „Vollanstalt“ auszubauen. Doch die Verhandlungen des Magistrats mit der königlichen Regierung zogen sich hin und hatten zunächst nicht den gewünschten Erfolg. Dr. Nolte warb weiter für den Plan des Schulausbaus und appellierte an den Geschäftssinn der Papenburger Bürger. Er rechnete ihnen vor, dass sie jetzt 30 000 - 50 000 Mark für die studierenden Söhne nach auswärts zahlten. Hätte Papenburg aber ein vollausgebautes Gymnasium, werde umgekehrt das Drei- bis Fünffache dieses Betrages nach Papenburg fließen.

Die Regierung hatte bei den Verhandlungen die Frage gestellt, ob denn wohl auch über die eigentliche Stadt hinaus in der Umgebung das Bedürfnis für eine solche Schule bestehe. Daraufhin gingen zahlreiche Gesuche, vor allem aus dem ostfriesischen Raum, bei der Regierung ein, mit der Bitte, in Papenburg ein Realgymnasium einzurichten. Schließlich traf nach langem Hin und Her am 27. März 1907 in den Osterferien die Genehmigung ein.

Die Vorbereitungen für eine gymnasiale Oberstufe waren bereits getroffen, und es wurde gleich nach den Osterferien im Schuljahr 1907/08 eine Obersekunda (Klasse 11) eingerichtet, so dass der erste Durchgang durch die Oberstufe 1910 abgeschlossen war. Wie Dr. Nolte vorausgesagt hatte, stieg die Schülerzahl schnell an; viele auswärtige Schüler kamen nach Papenburg, und im Jahre 1910 erreichte die Schülerzahl mit 248 einen vorläufigen Höhepunkt. Von den 130 auswärtigen Schülern wohnten 60 bei Papenburger Familien. Das scheint manche Leute beunruhigt zu haben, wie folgende Äußerung Dr. Noltes zeigt:

Einer weiteren Entwicklung bedarf wohl noch das Verhältnis der Papenburger Einwohner zur Vollanstalt, einerseits insofern, als sie sich noch immer zahlreicher und besser auf die Beherbergung und Beköstigung der auswärtigen Schüler einrichten, und andererseits, indem sie die Schüler mit wachsendem Verständnis zu beurteilen und behandeln lernen. Daraus, dass jetzt infolge der größeren Zahl und des zum Teil vorgerückten Alters der Schüler einzelne unliebsame Erscheinungen des Schullebens bemerkbarer hervortreten, darf nicht gefolgert werden, dass sich die Sitten verschlechtert haben. Es gab bisher nichts zu beklagen, was nicht auch schon in den Zeiten der Nichtvollanstalt und sogar mitunter öfter und schlimmer vorgekommen wäre. Beweisbare grobe Ausschreitungen haben überhaupt nicht stattgefunden.

Noch irriger ist die Annahme, dass die auswärtigen Schüler sittlich tiefer stehen als die einheimischen. Fremde Schüler zweifelhaften Charakters dürfen gar nicht aufgenommen werden und wir haben das auch nicht nötig, denn es melden sich schon jetzt mehr Schüler, als wir lassen können. Unsere meisten aus weiter Ferne stammenden Schüler sind wohlerzogene Kinder aus besserer Familie, von denen die einheimischen mancherlei Gutes lernen. Obwohl auswärtige Schüler leichter versucht sein können, abends ihre Wohnung zu verlassen, weil sie sich daheim öfters vereinsamt fühlen, obwohl sie ferner, des Papenburger Trinkwassers ungewohnt, größere Neigung zum Biergenuß verspüren mögen, und obwohl endlich ihre häusliche Beaufsichtigung gewöhnlich lokkerer ist als die der einheimischen Schüler, ist dennoch hinsichtlich ihres Betragens kein auf fallender Unterschied hervorgetreten. Sie würden allerdings noch besser abschneiden, wenn die Eltern der Papenburger Schüler sie öfter mit Einladungen beehrten, sei es auch nur zu gemütlichem, kostenlosem Familienverkehr. Nicht nur, dass sie auf diese Weise vor mancherlei Verfehlungen bewahrt blieben, sondern man würde auch allgemeiner erkennen, wie harmlos in Wirklichkeit unsere auswärtigen Schüler sind, und wie leicht in der Regel die Jugend heilsam zu beeinflussen ist, wenn man ihr mit Vertrauen und Freundlichkeit begegnet.

Der Ausbau zum Realgymnasium wurde jedoch vor allem durch den Lehrermangel dieser Jahre erschwert. Dr. Nolte meinte sogar, mit so vielen Hindernissen wie in Papenburg dürfte man bei der Vorbereitung des Abiturs noch nirgends zu kämpfen gehabt haben. Doch 1910 war das ersehnte Ziel erreicht – acht Schüler bestanden die erste Abiturprüfung des Realgymnasiums.

4.2 Blütezeit und Erster Weltkrieg

Das junge Realgymnasium entwickelte über den Unterricht hinaus eine für diese Zeit erstaunliche Vielfalt und Lebendigkeit. Im Jahresbericht 1906/07 wird zum ersten Mal von Schwimm- und Ruderübungen der Schüler berichtet. Der Fabrikant Dieckhaus schenkte der Schule ein Ruderboot und ermöglichte damit den Beginn eines eigenen Schülerruderns. Die übrigen sportlichen Betätigungen außerhalb des Unterrichts werden unter der Rubrik „Bewegungsspiele und Märsche“ geführt. Dr. Nolte begründete ihre Notwendigkeit ganz im Stile seiner Zeit:

Daß die Bewegungsspiele und Märsche den Stoffwechsel erleichtern und dadurch zu einer Hauptquelle leiblichen und geistigen Wohlbefindens werden, dass sie einen ruhigen und erquickenden Schlaf bewirken, die wesentlichste Vorbedingung zur Entwicklung eines kräftigen Nervensystems, dass sie durch beides das sicherste Abwehr- und Überwindungsmittel ererbter oder ansteckender Krankheitskeime bilden, dass sie vor Ausschweifungen der Phantasie und den damit zusammenhängenden Verirrungen bewahren, das alles ist schon so oft gesagt und geschrieben worden, dass man sich beinahe schämt, es zu wiederholen.

Besonders erstaunlich ist, dass diese Sportgruppen selbständig von Schülern geleitet wurden. In die Schulprogramme wurden nun Berichte der Schüler über die von ihnen geleiteten Gruppen aufgenommen. Großer Beliebtheit erfreute sich bald das Fußballspiel. Vier Schüler-Fußballriegen entstanden: in Papenburg-Untenende, in Papenburg-Obenende, in Aschendorf und in Weener. Die Untenender Gruppe, die sich bald „Germania“ nannte, spielte auf einer Wiese am Hampoel; die Obenender Mannschaft „Amisia“ auf einem Platz der Obenender Metallurgischen Fabrik von Dr. Savelsberg. Weitere Gruppen widmeten sich dem Schlagballspiel, der Leichtathletik, dem Radfahren und dem Wandern.

Außerdem entstand in diesen Jahren eine von Schülern geleitete „Literarische Abteilung“, die sich in freier Rede übte, Theaterstücke las und gelegentlich auch aufführte. In der Schule gab es Lesetische, dann sogar einen Lesesaal, in dem durch Zeitschriften und Bücher zum Lesen angeregt werden sollte. Von der Schule wurden zeitweilig oder ständig angeboten: wahlfreier Unterricht in Griechisch und Hebräisch, zweistündige biologische Schülerübungen für die Oberstufe und botanische Exkursionen für die Unterstufe, wahlfreier Unterricht in Stenographie, eine Arbeitsgemeinschaft für Linearzeichnen und eine für Kunstgeschichte; außerdem – nicht freiwillig – für Quartaner und Tertianer mit schlechter Handschrift wöchentlich eine Stunde Schreibunterricht.

Das ist für diese Zeit und für eine Schule mit etwa 250 Schülern und 12 Lehrern eine erstaunliche Vielfalt, und man kann sicherlich behaupten, dass die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zu den Glanzzeiten der Papenburger Schule gehören.

Der Erste Weltkrieg beeinflusste und veränderte die Schule zutiefst. Die zu Beginn des Krieges in Deutschland verbreitete Stimmung des nationalen Überschwangs spiegelte sich auch in den Schulereignissen wider. Die Aufsatzthemen bezogen sich großenteils auf die politische Situation und lauteten etwa: „Warum wird die Niederringung Englands für den Weltfrieden eine Wohlfahrt sein?“ oder „Unsere Empörung gegen England!“ Die ganze Oberprima (Klasse 13) sowie einige Unterprimaner (Klasse 12) und Obersekundaner (Klasse 11) meldeten sich als Kriegsfreiwillige. Die übrigen über 16 Jahre alten Schüler schlossen sich der Papenburger „Jugendwehr“ an, die sich die vormilitärische Ausbildung der Jungen zum Ziel gesetzt hatte. Die meisten Schüler beteiligten sich an der „Ländlichen Arbeitshülfe“, die in Notfällen bei der Ernte und der Ackerbestellung einsprang. Im Februar 1915 wurden die im Umlauf befindlichen Goldmünzen gesammelt und gegen Papiergeld eingetauscht. Auch die Realgymnasiasten beteiligten sich daran und brachten innerhalb eines Monats 20 100 Mark Goldgeld zusammen. Doch bald ging es um weniger Wertvolles. In den nächsten Jahren wurden die Schüler angehalten, Beeren, Heilkräuter, Knochen, Altpapier und Brennnesseln zu sammeln.

Da immer mehr Lehrkräfte zum Militär eingezogen wurden, drohte der Unterricht zeitweilig zusammenzubrechen. Es wurde erwogen, ganz auf die Oberstufe zu verzichten und so wieder zum alten Progymnasium zurückzukehren, aber man behalf sich doch mit Klassenkombinationen, Aushilfskräften und Unterrichtskürzungen. Im Winter musste wegen des fehlenden Heizmaterials der Unterricht mehrfach unterbrochen werden. Immer häufiger trafen im Verlauf des Krieges Todesnachrichten ein. Insgesamt fielen 72 Schüler und Lehrer im Verlaufe des Krieges. Als Dr. Nolte im Jahre 1916 gestorben war, blieb die Schule bis 1919 ohne Direktor, die Stelle sollte erst nach Ende des Krieges neu besetzt werden. Die Schule wurde solange provisorisch von den Professoren Schütte und Geers geleitet.

4.3 Schwierige Jahre

Das 50-jährige Jubiläum der Schule 1919 war noch sehr von den Nachwirkungen des Krieges überschattet. Die Schülerzahl war auf etwa 150 gesunken. Die Finanzmittel der Schule waren so eingeengt, dass die Schulprogramme nicht mehr gedruckt werden konnten. Bei den Berichten über die Wanderungen wird vermerkt, dass sie wegen der Verpflegungsschwierigkeiten nicht auf einen ganzen Tag ausgedehnt werden konnten. Die fortschreitende Geldentwertung hatte zur Folge, dass das Kapital der Stiftungen, die der Schule um die Jahrhundertwende für bedürftige Schüler vermacht worden waren, dahinschmolz. Das Schulgeld stieg an und betrug im Jahre 1922/23 infolge der Inflation 20 000 Mark.

1920 taucht zum ersten Mal in den Berichten der Begriff der Schülerselbstverwaltung auf. Doch heißt es schon 1922, das Interesse daran sei gänzlich geschwunden, ohne Anregung durch die Klassenlehrer geschehe nichts, Klassenversammlungen hätten nicht mehr stattgefunden; bald beschränkte sich die ganze Schülerselbstverwaltung auf Mithilfe bei der Pausenaufsicht und der Verwaltung der Lehrmittel.

Der vorübergehende wirtschaftliche Aufschwung in der Mitte des Jahrzehnts war auch in der Schule spürbar. Die Schülerzahl stieg auf etwa 200. Das Schulgebäude wurde renoviert, die lange geplante Direktorwohnung gebaut, und die Sammlungen und Bibliotheken wurden erweitert.

Seit 1922 durften nach einer Anordnung des Preußischen Unterrichtsministeriums auch Mädchen die bisherigen Jungenschulen besuchen, wenn keine gleichartige Schule am Ort war. Als dann aber zwei Mädchen am Papenburger Realgymnasium angemeldet wurden, gab es viele Schwierigkeiten zu überwinden. Offenbar herrschten die Befürchtungen vor, die Beziehungen zu den Jungen könnten allzu eng werden. So wurde ihnen zum Beispiel für die Pausen ein eigener Aufenthaltsbereich im vorderen Teil des Schulhofes zugewiesen. Doch die beiden Mädchen hielten trotz aller Widrigkeiten durch, und im Jahre 1926 bestanden sie ihr Abitur am Realgymnasium Papenburg. Eine der beiden, Elisabeth Specker, wurde dann später auch die erste Lehrerin an der Papenburger Schule.

Als Professor Bösken, der acht Jahre lang das Realgymnasium geleitet hatte, 1927 Direktor des Gymnasiums in Meppen wurde, folgte ihm 1928 Dr. Rudolf Diekmann als Schulleiter. Ihm fiel die Aufgabe zu, die Schule in den wirtschaftlich und politisch unerfreulichen Jahren um und nach 1930 zu leiten. Besonders setzte sich Dr. Diekmann für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus ein. Zum ersten Mal wurde ein allgemeiner Elternsprechtag abgehalten. Auch der Kontakt zu den ehemaligen Schülern wurde gesucht. Beim Abiturkommers 1929 wurde beschlossen, den „Verein ehemaliger Schüler Papenburgs“ zu gründen, dessen Ziele – trotz mancher Unterbrechungen – heute im „Verein der Ehemaligen, Freunde und Förderer des Gymnasiums Papenburg“ weitergeführt werden.

Doch die große Wirtschaftskrise seit 1929 zog auch in der Schule immer tiefere Spuren. Durch Notverordnungen wurde, um Lehrkräfte einzusparen, die Wochenstundenzahl der Gymnasiallehrer auf 25 erhöht. Außerdem wurde der Unterricht gekürzt. „Die Sparmaßnahmen brachten den geordneten Musikunterricht zum Erliegen“ (Jahresbericht 1929). Ebenso wurden der Sportunterricht und die Arbeitsgemeinschaften 1931 stark reduziert, und auch andere Fächer waren von Kürzungen betroffen.

Die Berufsaussichten der Absolventen der Schule waren denkbar schlecht. Ausbildungsstellen und Studienplätze waren knapp wie nie zuvor. So ist es kein Wunder, dass bei solchen Perspektiven die Zahl der Anmeldungen für das Realgymnasium wieder absank, zumal, wenn man bedenkt, dass die finanziellen Belastungen durch den Schulbesuch eines Kindes für viele Familien bei sinkendem Einkommen oder Arbeitslosigkeit unerträglich wurden. So musste man sich allen Ernstes die Frage stellen, ob und wie lange die Schule noch lebensfähig bleiben würde.

Der Weg zum Gymnasium Papenburg

5. Die Staatliche Aufbauschule 1936 - 1957

5.1 Die Umwandlung der Schule

Etwa ein Jahr nach der Entlassung Dr. Diekmanns wurde im Herbst 1934 Dr. Rudolf Knoke Direktor des Realgymnasiums. Nach seinen eigenen Worten war ihm bedeutet worden, es werde sich für ihn in Papenburg wohl nur um eine vorübergehende Tätigkeit handeln, da man beabsichtige, die nicht mehr lebensfähige Papenburger Schule aufzulösen. Besondere Sympathien konnte eine Schule, die in ihrem Anstaltsstatut immer noch ihren katholischen Charakter herausstellte, bei der Partei und den Behörden in dieser Zeit auch nicht erwarten.

Nur noch 143 Schüler besuchten das Realgymnasium, und für die finanziellen Probleme der Schule zeichnete sich auch weiterhin keine Lösung ab. So schien das Schicksal der Schule besiegelt, als sich überraschend eine Möglichkeit der Rettung bot, die von allen Beteiligten, besonders aber von Dr. Knoke, mit aller Energie aufgegriffen wurde. Die Staatliche Aufbauschule in Osnabrück war ebenfalls in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Sie war bis dahin von einigen Landkreisen des Regierungsbezirks Osnabrück – auch dem Kreis Aschendorf – mitfinanziert worden. Nun aber sahen sich die Landkreise nicht mehr in der Lage, weiterhin ihren Zuschuss für eine weit entfernte Schule, die kaum von Kindern ihres Bereichs besucht wurde, zu zahlen. Die Regierung ihrerseits aber war nicht bereit, den Unterhalt der Schule ganz zu übernehmen, und beschloss, sie aufzugeben. Dieses Vorhaben der Regierung bedeutete nun aber überraschenderweise für die Papenburger Schule die Rettung, denn Dr. Knoke konnte die Preußische Unterrichtsverwaltung dafür gewinnen, das Papenburger Realgymnasium in eine Aufbauschule umzuwandeln und das bislang für die Osnabrücker Aufbauschule aufgewendete Geld nun für Papenburg zur Verfügung zu stellen.

Dr. Knoke sah aber in dieser Umwandlung nicht nur eine finanzielle Transaktion. Er war überzeugt, dass die Aufbauschule für die Stadt Papenburg und den Kreis Aschendorf die geeignete Schulform sei. Er schreibt dazu:

Die Unterhaltung des Hindenburg-Realgymnasiums, die der Stadt Papenburg obliegt, ist infolge der finanziellen Notlage der Stadt in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden. Der Grund hierfür liegt einerseits in einer völligen Wandlung der wirtschaftlichen Struktur der Stadt, durch die die Stadtverwaltung vor große neue finanzielle Aufgaben gestellt wurde. Andererseits sanken die Schulgeldeinnahmen der Stadt von Jahr zu Jahr, da der Lebensraum der Anstalt von den zahlreichen umliegenden Rektoratsschulen [Es handelt sich dabei um Vorläufer der heutigen Realschulen, d. Verf.] eingeengt wurde. Diese Verhältnisse machten eine grundlegende Änderung der höheren Schule notwendig. Sie musste auf eine breitere finanzielle Basis gestellt werden, dass der Bevölkerung des weiten, an Verkehrslinien armen Kreises der Besuch der höheren Schule in Papenburg erleichtert wurde. Das führte nach langen Verhandlungen zum Abschlusse eines Vertrages zwischen der Preußischen Unterrichtsverwaltung und der Stadtgemeinde Papenburg, durch den die Umwandlung des Realgymnasiums in eine Aufbauschule vereinbart wurde. Auf Grund des Erlasses des Herrn Ministers vom 17.3.1936 wurde die Umwandlung in eine Deutsche Oberschule in Aufbauform Ostern 1936 beschlossen [...] Das Realgymnasium wird somit klassenweise abgebaut und die Aufbauschule klassenweise aufgebaut.

Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Schulformen bestand darin, dass die Aufbauschule erst nach sechs Volksschuljahren mit Klasse 7 begann und in sieben Jahren zum Abitur führte. Die erste Fremdsprache, Englisch, begann in Klasse 7, die zweite Fremdsprache, Latein, in Klasse 8. Als die gymnasiale Schulzeit 1937 in Deutschland generell auf acht Jahre verkürzt wurde, traf das auch die Aufbauschule. Jetzt musste sie ihre Schüler in sechs Jahren zum Abitur führen.

Mit der Umwandlung des Schultyps wurde auch die Verstaatlichung der Schule zum l. April 1939 beschlossen, d.h. das Land Preußen übernahm alle Kosten der Schule – Sachkosten und Lehrergehälter –, erhielt aber auch die alleinige Aufsicht. Die Stadt Papenburg hatte von nun an keinerlei Einfluss mehr auf die Schule.

Schon 1872 hatte Brandi dem Magistrat der Stadt ohne Erfolg vorgeschlagen, die Schule zu verstaatlichen. Auch im Jahre 1915 hatte die Schulkommission der Stadt einen ähnlichen Antrag abgelehnt. Die Gründe werden im Protokollbuch der Kommission nicht ausdrücklich genannt, doch gibt es Hinweise, dass man den katholischen Charakter der Schule erhalten wollte. Nun aber stimmte die Stadt wegen ihrer finanziellen Situation der Verstaatlichung gerne zu.

5.2 Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Wie in alle Bereiche des öffentlichen Lebens drangen seit 1933 nationalsozialistische Ideen und Forderungen immer stärker auch in die Schule ein. Da die Schulakten aus dieser Zeit durch Kriegseinwirkungen großenteils verlorengegangen sind, lässt sich nur unvollständig über diese Zeit berichten. Die Jahresberichte für die Schulbehörde sind zwar erhalten, doch bestehen sie, soweit es politische Vorgänge angeht, zum großen Teil aus Vollzugsmeldungen irgendwelcher Anordnungen in allgemeinster Form. Die wirklichen Vorgänge lassen sich hinter diesen Formulierungen nur erahnen. Als die Tätigkeit der verschiedenen Schülergruppen im sportlichen und konfessionellen Bereich, über die vor 1933 ausführlich berichtet worden war, immer mehr behindert wurde, heißt es lapidar: „Die bisher vorhandenen Schülervereine wurden in ihrer Tätigkeit vereinfacht“. In Wirklichkeit mussten diese Gruppen aufgegeben werden, weil die Hitlerjugend die Monopolstellung in der Jugendarbeit beanspruchte. Häufig wiederholen sich auch stereotype Formulierungen. So heißt es in allen Jahresberichten von 1936 - 1945: „Sämtliche Schülerinnen und Schüler gehörten im Berichtsjahr der HJ (Hitlerjugend) an“, obgleich es in diesen Jahren Schüler gab, die sich nie um die HJ gekümmert, ja ihr nicht einmal formal angehört haben. Die Schule hat die Zugehörigkeit zur HJ zumindest während der Kriegsjahre auch nie überprüft.

1934 wurde Studienrat Theodor Keseling nach Papenburg strafversetzt. Er musste als ausgewiesener Gegner des Nationalsozialismus auf Grund des ominösen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zusammen mit drei anderen Gymnasiallehrern Duderstadt verlassen. Der nationalsozialistische Bürgermeister der Stadt Papenburg suchte die Versetzung Keselings nach Papenburg zu verhindern, indem er angab, man sehe die nationale Erziehung der Jugend durch diesen Lehrer gefährdet. Die Versetzung fand trotzdem statt. Im Jahresbericht werden diese Hintergründe nicht erwähnt. Die Versetzung Keselings wird lediglich wie die eines jeden anderen Lehrers mitgeteilt.

Die Papenburger Schule war sicher keine Hochburg des Nationalsozialismus, wenn auch einige Lehrer sich zur Partei und ihren Ideen bekannten. Nach den übereinstimmenden Berichten der Schüler dieser Zeit überwog bei den Lehrern die kritische Distanz zu den Lehren und Maßnahmen des NS-Staates, was bisweilen auch im Unterricht spürbar wurde. Es ist aber nicht bekannt, dass es Widerstand oder offene Ablehnung gegeben hätte, auch nicht, als am 9. November 1938 die Schüler von ihren Klassenräumen aus sehen konnten, wie die nahegelegene Synagoge in Flammen aufging. Andererseits ist kein Fall bekannt, dass Schüler aus politischen Gründen von der Schule verwiesen oder sonstwie drangsaliert wurden.

Im Übrigen liefen die Rituale des nationalsozialistischen Staates wie überall ab. Das Schuljahr begann und endete mit dem Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Schulhof und dem gemeinsamen Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Liedes. In den Lehrerkonferenzen mussten nun Referate über die Ziele der nationalsozialistischen Erziehung gehalten werden, die Lehrer wurden zu politischen Schulungskursen einberufen, und die Schule wurde mit Hitler-Bildern überschwemmt. Statt des bisherigen Elternbeirates gab es nun die „Jugendwalter“, zu denen auch HJ-Führer und der Ortsgruppenleiter der NSDAP gehörten.

Als 1939 die von katholischen Ordensschwestern geleitete Ursulinenschule für Mädchen aus politischen Gründen von den nationalsozialistischen Behörden geschlossen wurde, ging ein großer Teil der Mädchen zur Aufbauschule über, und damit erhöhte sich der Anteil der Schülerinnen sprunghaft.

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Doch nun war anders als 1914 an der Schule nichts von Begeisterung zu spüren. Es heißt nur lakonisch im Jahresbericht, die Schule habe an den Ereignissen regen Anteil genommen. Wie 1914 wurden die wehrfähigen Lehrer zum Kriegsdienst einberufen, darunter auch der Direktor der Schule, Dr. Knoke. Stattdessen wurden pensionierte Lehrer reaktiviert, andere wurden über die Pensionsgrenze hinaus beschäftigt. Wieder wurde der Unterricht in fast allen Fächern gekürzt, Kunst- und Musikunterricht fanden gar nicht mehr statt, Sportunterricht erteilte ein Papenburger Handwerksmeister, der ein begeisterter Turner war. Die älteren Schüler wurden ebenfalls zur Wehrmacht einberufen. Die Abiturprüfungen wurden vorverlegt, oder die Schüler erhielten eine Bescheinigung, dass sie nach dem angekündigten „Endsieg“ auch ohne Abitur zum Studium zugelassen würden. Wie im Ersten Weltkrieg gab es wieder wegen des fehlenden Heizmaterials Kälteferien, und wie damals wurden die Schüler wieder zu Sammlungen jeder Art verpflichtet. Diese brachten jedoch mehr Probleme als erwartet:

Die Sammlung der Heilpflanzen unter Leitung der Studienrätin Specker wurde fortgesetzt. Leider konnte ein Teil des Sammelgutes aus 1942 infolge Verkehrsschwierigkeiten bei der Reichsbahn nicht zur Absendung gelangen und wird erst jetzt zum Transport gelangen. Die unter der Führung des Studienrats Hehenkamp stehende Sammlung an Knochen kam leider nicht in Fluß, weil die Knochen nicht abgeholt wurden [und auf dem Schulgelände einen üblen Geruch verbreiteten, d. Verf.]. Herr Studienrat Helming übernahm die Führung der Maßnahmen der Schule zur Schädlingsbekä'mpfung des Kreises Aschendorf, die in der Zeit vom 15.4. bis 15.6. stattfand. Es wurden 290 Spatzen abgeliefert, 16 Dohlen, 7 Elstern, 55 Spatzennester mit Gelege vernichtet, ebenso 14 Dohlennester und 49 Elsternnester. Die abliefernden Schüler erhielten für einen abgelieferten Spatzen je ein Pfund Hafer, für eine Dohle oder Elster 2 Pfund Hafer, für zerstörte Nester 2 Pfund bzw. 3 Pfund Hafer durch die Kreisbauernschaft. Insgesamt wurden dabei 635 Pfund Hafer ausgeteilt. Die Klasse 5J (heute Klasse 9), bestehend aus 32 Jungen war vom 18.8. bis 15.9. eingesetzt zur Sanddornbeerenernte in Norderney. (Jahresbericht 1942/43)

Den Kontakt zwischen den Schülern und Lehrern, die nun zum Kriegsdienst eingezogen waren, suchte Studienrat Helming zu halten. Er verschickte alle zwei Monate einen Rundbrief, in dem er mitteilte, was ihm über den Aufenthalt und das Schicksal der bisherigen Schüler bekanntgeworden war. Bald hatte er eine Art Nachrichtenzentrale aufgebaut, in der man Anschriften erfragte oder um die Weiterleitung von Nachrichten bat. Aus vielen Äußerungen der Ehemaligen, die damals als Soldaten im Krieg waren, geht hervor, dass sie diese mühevolle Arbeit sehr hoch eingeschätzt haben und sehr dankbar dafür gewesen sind.

Der Luftkrieg mit seinen immer häufigeren Angriffen machte es erforderlich, dass die Keller der Schule als Luftschutzräume hergerichtet wurden. Wurden sie zunächst auch nur selten in Anspruch genommen, so musste im Schuljahr 1943/44 bereits an 52 Schultagen der Unterricht wegen Fliegeralarms unterbrochen werden. Geregelter Unterricht war nur zwischen acht und zehn Uhr morgens zu erwarten, bisweilen begann der Unterricht wegen längeren Luftalarms in der Nacht aber auch erst um zehn Uhr. Eine mehrstündige Klassenarbeit konnte oft nur nach mehreren Anläufen ohne Störung zu Ende gebracht werden. So wurde der ohnehin stark eingeschränkte Unterricht noch weiter reduziert.

1943 wurden 13 Schüler der 6. Klasse (heute Klasse 10) als „Luftwaffenhelfer“ nach Herbrum eingezogen. Sie wurden dort an den Flakgeschützen eingesetzt, die die Schleuse gegen Luftangriffe schützen sollten. Zusätzlich wurden sie dort in ihren Unterkünften von den Lehrern ihrer Schule unterrichtet. Zunächst erschien der Einsatz wenig gefährlich, doch bei einem kurze Zeit später stattfindenden Luftangriff auf die Schleuse kamen mehrere der Luftwaffenhelfer ums Leben. Dennoch wurden in der Folgezeit weitere Schülergruppen bei der „Heimatflak“ eingesetzt. Diese etwa 15 Jahre alten Jungen mussten an drei Tagen der Woche bei der Flak an der Papenburger Seeschleuse Dienst tun, an den anderen drei Tagen besuchten sie die Schule.

Anfang 1945 musste das Schulgebäude am Hauptkanal geräumt werden; die Wehrmacht beanspruchte das Haus und machte es zum Reserve-Lazarett. Möbel, Bücher und Schulakten wurden auf dem geräumigen Boden verstaut. Der Unterricht fand noch einige Zeit provisorisch an verschiedenen Stellen des Untenendes im Amtsgericht, dem Konfirmandensaal der evangelischen Kirche, der früheren Ursulinenschule – statt, bis er mit Beginn der Osterferien 1945 völlig zum Erliegen kam.

5.3 Neuanfang nach 1945

Etwa ein halbes Jahr nach Kriegsende wurde am 15. Oktober 1945 der Unterricht unter sehr schwierigen Bedingungen wiederaufgenommen. Das Schulgebäude stand auch weiterhin der Schule nicht zur Verfügung. Es wurde nun von der UNRRA (United Nations Reconstruction and Rehabilitation Administration) in Anspruch genommen, einer Organisation, die die im Krieg verschleppten Menschen betreuen, vorläufig unterbringen und dann nach Hause zurückbringen sollte. Da in Papenburg auch viele Privathäuser von den Besatzungstruppen beschlagnahmt worden waren, war es schwierig, für den Unterricht geeignete Räume zu finden. Schließlich gelang es aber doch, an vier verschiedenen Stellen der Stadt Räume zu mieten:

  • im Amtsgericht am Hauptkanal,
  • in der alten evangelischen Schule an der Friederikenstraße (heute Heimatmuseum),
  • im Gemeindehaus der evangelischen Kirche,
  • in der Imkerschule, einer Baracke am Anfang des Graden Weges.

Nur mit Mühe konnte man notdürftig für diese Räume Stühle und Tische beschaffen. Wegen des Raummangels wurden die Klassen im Wechsel am Vormittag und Nachmittag unterrichtet. Die Lehrkräfte hatten zwischen den Unterrichtsstunden weite Wege zurückzulegen, um zu den Unterrichtsräumen zu gelangen. Deshalb wurde der Unterricht in Stundenblöcken zu 90 Minuten erteilt, dazwischen lagen 30 Minuten Pause. Diese Fußmärsche von 10 bis 15 km pro Tag belasteten die Lehrkräfte neben allen anderen Schwierigkeiten dieser Nachkriegsjahre zusätzlich. Unterricht fand zunächst fast nur in den Hauptfächern statt; die Fächer Geschichte, Erdkunde, Musik, Sport und Chemie konnten gar nicht erteilt werden. In den Unterrichtsräumen standen einfache Öfen, die mit Torf geheizt wurden, den die Eltern zur Verfügung gestellt hatten und der von den Schülern in Handwagen herangekarrt wurde. Diese Öfen gaben viel Rauch und wenig Wärme ab, so dass die Schüler und Lehrer, die Mäntel besaßen, sie während des Unterrichts nicht abzulegen brauchten. Trotz allem war das Amt des Ofenheizers bei den Schülern begehrt, konnte man sich doch so unangenehmen Fragen des Lehrers nach Hausaufgaben etc. entziehen. Schulbücher gab es zunächst nicht. Die Bücher aus der Nazizeit waren verständlicherweise verboten, neue wurden noch nicht wieder gedruckt. Selbst Schreibpapier war äußerst schwer zu beschaffen.

Der britische Miltärkommandant in Aschendorf untersagte in Herbst 1945 der Schule, weiterhin den Namen „Hindenburgschule“ zu führen; sie hieß seitdem wieder „Staatliche Oberschule für Jungen in Aufbauform“. Als der Unterricht im Herbst 1945 wiederaufgenommen wurde, besuchten 139 Jungen und 108 Mädchen in 11 Klassenverbänden die Schule. Dazu kamen noch die 19 Schülerinnen und 21 Schüler, die nach dem 1. Januar 1942 den sogenannten „Reifevermerk“ erhalten hatten. Sie mussten nun aber doch entgegen den Zusagen aus der Kriegszeit sechs Monate lang an einem „Übergangskurs“ teilnehmen und eine Prüfung ablegen, um die Berechtigung zum Universitätsstudium zu erlangen. Diese Prüfung war 1946 die erste Abschlussprüfung nach dem Krieg. Die erste eigentliche Abiturprüfung fand 1947 wieder statt.

Am 1. Juli 1947 wurde das Schulgebäude am Hauptkanal wieder freigegeben. Das Haus war in einem üblen Zustand. Es musste zunächst gründlich gesäubert und notdürftig hergerichtet werden. Die Reinigung übernahmen die Lehrkräfte zusammen mit den Schülerinnen und Schülern selbst. Die notwendigsten Reparaturen wurden von einigen Handwerkern erledigt. Das Mobiliar und die Lehrmittel, die 1945 auf den Boden gebracht worden waren, konnten nicht mehr benutzt werden. Sie waren überwiegend zerstört oder unbrauchbar nur die Lehrerbücherei konnte zum großen Teil gerettet werden. Doch bald konnte der Unterricht auf bunt zusammengewürfeltem Mobiliar wieder in der alten Schule beginnen. Da die Schulbehörde auch einige weitere Lehrkräfte einstellte, wurden nun wieder alle Fächer unterrichtet.

Die Zahl der auswärtigen Schüler nahm immer mehr zu. Weil die Verkehrsverhältnisse immer noch sehr schlecht waren, plante man die Einrichtung eines Schülerheims, in dem weiter entfernt wohnende Schüler und Flüchtlingskinder untergebracht werden sollten. Es gelang, für diesen Zweck einige Räume in der ehemaligen Königlichen Navigationsschule am Gasthauskanal anzumieten. Das Bistum Osnabrück erklärte sich bereit, die Trägerschaft zu übernehmen. Nach dem erforderlichen Umbau konnte das Heim am 01.06.1948 eröffnet werden, und bald hatte es Platz für 35 Schüler.

1948 wurde die Aufteilung der Klassen nach Geschlechtern aufgegeben. Zum ersten Mal wurde ab Klasse 10 nach Interesse und Wahl der Schüler ein sprachlicher und ein mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig eingerichtet.

Nach der Währungsreform 1948 und der Gründung der Bundesrepublik 2949 normalisierte sich das Schulleben immer mehr. Es fanden wieder Klassenfahrten statt, das Schülerrudern begann wieder, Arbeitsgemeinschaften wurden wieder angeboten. Erstmalig kam nun auch ein Schüleraustausch mit einer englischen Schule zustande. Fünf Schülerinnen der High School for Girls aus Sutton-Coldfield besuchten 1950 für einige Zeit die Papenburger Schule. Doch die erste dauerhafte Schulpartnerschaft mit einer ausländischen Schule entstand erst viel später. Als im September 1967 das Gymnasium Papenburg in Verbindung mit der Königlichen Botschaft der Niederlande in Bonn eine „Begegnung mit den Niederlanden“ veranstaltete und in dieser Woche neben anderen Niederländischen Schulen auch die „Rijksscholengemeenschap Ter Apel“ zu Sportwettkämpfen und einem Schülertreffen einlud, entstand daraus eine seitdem andauernde Partnerschaft mit dieser Schule.

Im Jahre 1953 wurde die gymnasiale Schulzeit wieder auf 13 Jahre verlängert; das bedeutete auch für die Aufbauschule die Wiederherstellung des alten Zustandes, also eine Verlängerung auf sieben Jahre. Da zudem die Zahl der Anmeldungen immer mehr anstieg – im Jahre 1953 waren es 77 Anmeldungen für Klasse 7 –, hatte die Schule wieder mit dem leidigen Raumproblem zu kämpfen. Zunächst hatte man sich mit Wanderklassen und Unterrichtskürzungen beholfen, doch nun war auch diese Möglichkeit erschöpft. So erwarb die Schule eine Baracke, die früher im Konzentrationslager Esterwegen gestanden hatte, und stellte sie als Provisorium auf dem Schulhof auf. Nach einigen Umbauten bot sie – nun Gartenhaus genannt – vier Klassen Platz.

6. Gymnasium Papenburg

6.1 Neue Schulform und neues Schulgebäude

1954 änderten sich durch das Niedersächsische Schulverwaltungsgesetz die rechtlichen Bedingungen für alle Schulen des Landes. Nun wurden alle Lehrer Landesbeamte, die Kommunen wurden als Schulträger für die sächlichen Kosten der Schulen zuständig. Für die Papenburger Aufbauschule erhob sich damit die Frage, ob die Trägerschaft wieder an die Stadt Papenburg fallen sollte. Doch weil die finanzielle Situation der Stadt immer noch problematisch war und weil der größere Teil der Schüler nicht mehr aus Papenburg, sondern den übrigen Orten des Landkreises Aschendorf-Hümmling kam, wurde die Trägerschaft dem Landkreis übertragen. In seiner Nachfolge ist heute der Landkreis Emsland Schulträger des Gymnasiums Papenburg.

Durch das 1956 folgende Niedersächsische Schulgesetz erhielten alle höheren Schulen die Bezeichnung Gymnasium; durch Zusätze wurden die Schulen genauer charakterisiert. So führte die bisherige Aufbauschule ab 1957 den Namen „Gymnasium Papenburg – Neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Kurzform“. Doch schon ein Jahr später wurde zum ersten Mal seit den Zeiten des alten Realgymnasiums wieder eine Klasse 5 eingerichtet. Die Verkehrsverhältnisse hatten sich durch die Einführung von Schülerbussen wesentlich gebessert und damit die Schulwegbelastungen deutlich verringert. Deshalb wollten viele Eltern ihre Kinder jetzt schon nach vier Grundschuljahren zum Gymnasium schicken, wie das in den meisten anderen Städten und Regionen üblich war. Einige Jahre bestanden beide Schulformen in Papenburg nebeneinander, und die Schule führte nun den voluminösen Untertitel „Neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Lang- und Kurzform“. Weil aber die Anmeldungen für die Kurzform ab Klasse 7 immer mehr abnahmen, wurde ab 1962 keine Anfangsklasse dieses Zweiges mehr eingerichtet.

Das rasche Anwachsen der Schülerzahl auf etwa 400 erforderte gründliche Baumaßnahmen. Es zeigte sich, dass das bisherige Schulgebäude am Hauptkanal sich nicht ausreichend erweitern ließ. Deshalb erwarb der neue Schulträger, der Landkreis Aschendorf-Hümmling, ein Gelände an der Russellstraße und schrieb einen Wettbewerb für einen Schulneubau aus, an dem sich 39 Architekten beteiligten. Der erste Preis wurde 1956 dem gemeinsamen Entwurf von Diplomingenieur Heinz Richter aus Münster, einem ehemaligen Schüler der alten Aufbauschule, und dem Architekten Mecklenburg aus Papenburg zuerkannt. Nach deren Plänen wurde dann mit dem Neubau begonnen und im November 1957 der Grundstein des heutigen Schulgebäudes an der Russellstraße gelegt. Eingemauert wurden eine Urkunde, ein Lehrer- und ein Schülerverzeichnis. Die Urkunde hat folgenden Wortlaut:

Das Gymnasium Papenburg, gegründet am 25. Oktober 1869 als Städtische Höhere Bürgerschule, umgestaltet am 31. März 1882 zum Realprogymnasium, ausgebaut Ostern 1910 zum Realgymnasium, umgewandelt am 1. April 1936 in eine Aufbauschule, unterhalten während sieben Jahrzehnten von dem Opfersinn der Papenburger Bürgerschaft, übereignet am 1. April 1939 dem preußischen Staat und 1945 dem Lande Niedersachsen, wurde am 1. April 1954 vom Landkreis Aschendorf Hümmling in Betreuung und Obhut übernommen und am 1. April 1957 in ein Neusprachliches und Mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Lang- und Kurzform erweitert. Ursprünglich eine Schule mit dem Blick zum Hauptkanal, bestimmt für die Ausbildung des seemännischen Nachwuchses der Handels- und Schifferstadt Papenburg, im Laufe der Jahrzehnte entwickelt zu einer weit über die Stadtgrenzen hinausgreifenden Bildungsanstalt des ganzen Landkreises Aschendorf Hümmling, soll das Gymnasium an dieser Stelle eine neue Stätte finden und seine Aufgabe erfüllen als Bildungszentrum der heranwachsenden Jugend, als kultureller Mittelpunkt des Landkreises, als Hüter des abendländischen-christlichen Kulturguts und als Pflegestätte der Liebe zur Heimat.

Dieser Grundstein wurde gelegt am 21. November im Jahre des Herrn 1957.

Sanders, Landrat

Dr. Fischer, Oberkreisdirektor

Dr. Knoke, Oberstudiendirektor

Am 23. Oktober 1959 war es dann endlich soweit – der Umzug in den Neubau an der Russellstraße fand statt. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler transportierten selbst das Mobiliar und die Schuleinrichtung vom Hauptkanal in das neue Gebäude. Alle freuten sich über die großen, hellen Räume. Es gab keine Wanderklassen mehr, jede Klasse hatte ihren eigenen Klassenraum. Für die meisten Fächer waren die Fachräume bereits fertiggestellt; in den nächsten Jahren folgten der Bau der Aula (1961), der Turmhalle (1962) und des Kunsttrakts (1965). Das schöne und großzügige Schulgebäude schien das Raumproblem der Papenburger Schule endgültig gelöst zu haben, und niemand hätte sich bei der Einweihung 1959 vorstellen können, dass schon zehn Jahre später wieder die ersten Baracken als Notklassenräume auf dem Schulhof stehen würden.

Als Dr. Rudolf Knoke im Jahre 1966 nach 32 Jahren als Schulleiter die Schule seinem Nachfolger Dr. Martin Mühmelt übergab, zeichnete sich bereits ein neues schwerwiegendes Problem ab – der Lehrermangel. Einerseits nahm überall die Schülerzahl der Gymnasien rapide zu, andererseits ging die Zahl der Lehramtskandidaten zurück. Schulen in ländlichen Gebieten wie das Papenburger Gymnasium litten erheblich mehr unter dem Lehrermangel als Großstadtschulen. Der neue Schulleiter musste einen erheblichen Teil seiner Arbeit investieren, um junge Lehrer für Papenburg zu gewinnen oder auf andere Weise die Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Mit finanzieller Unterstützung des Schulträgers wurden ganze Studienseminare eingeladen, die Papenburger Schule zu besuchen und sich zu überzeugen, dass sich auch im Emsland leben und unterrichten ließ. Tatsächlich gelang es auf diese Weise auch, einige junge Assessoren für Papenburg zu gewinnen. Darüber hinaus wurden Lehrer anderer Schularten angeworben, mit einigen Stunden oder ganz an das Gymnasium zu kommen. Schließlich wurden bestimmte Fächer in einigen Klassen auch von Studenten oder Angehörigen anderer Berufe (Architekten, Richter) erteilt. Der Elternrat verfasste Resolutionen an das Kultusministerium, der Kreistag schaltete sich ein und forderte dringend Lehrkräfte für das Gymnasium. Dennoch wurde der Unterrichtsausfall immer größer und betrug Ende der sechziger Jahre mehr als 20 Prozent des Unterrichtssolls.

6.3 Erste Reformen der Oberstufe

Die gymnasiale Oberstufe wurde bereits vor der grundlegenden Reform von 1976 schrittweise verändert. 1962 wurden für die Klassen 12 und 13 Wahlpflichtfächer eingeführt, um die Zahl der Unterrichtsfächer in den beiden letzten Schuljahren zu reduzieren und um andere dafür intensiver betreiben zu können. So wählten die Schüler des neusprachlichen Zuges zwischen den Fächern Chemie, Physik und Biologie, die des mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges zwischen den Fächern Chemie, Biologie oder Englisch. Außerdem war eines der beiden Fächer Musik oder Kunst zu wählen. Doch wegen des Lehrermangels war in vielen Jahren keine echte Wahl möglich, da nur die Fächer zur Wahl gestellt werden konnten, für die Lehrer zur Verfügung standen.

1965 wurde zum ersten Mal eine Klasse für Realschulabsolventen eingerichtet, die nach eigenen Lehrplänen in drei Jahren auf das Abitur vorbereitet wurden. Dieser Zweig sollte die Durchlässigkeit zwischen den Schularten verbessern und setzte in gewisser Weise die Tradition der alten Aufbauschule fort, die ja auch gerade den Jugendlichen, die sich erst spät für den Besuch des Gymnasiums entschieden, eine Chance geben wollte. Diesen Weg zu gehen, verlangte den betreffenden Schülerinnen und Schülern viel Einsatz ab. Doch bis zur Einführung der allgemeinen Oberstufenreforrn 1976 hat es in allen Schuljahren an der Schule diese Klassen für Realschulabsolventen gegeben.

Im Jahre 1968 wurden für die Fächer Deutsch, Gemeinschaftskunde und Religion am Gymnasium Papenburg Pflichtwahlkurse eingeführt, d.h. in diesen Fächern wurde – wie ab 1976 in allen Fächern – der Klassenverband aufgegeben, und die Schüler konnten und mussten einen der angebotenen Kurse dieses Faches wählen.

6.4 Jubiläum und Unruhen

1969 feierte die Schule ihr hundertjähriges Bestehen. Einer der glanzvollen Höhepunkte war die Aufführung großer Teile der „Carmina Burana“ von Carl Orff. Aber während der Jubiläumstage kam es auch zu einem ersten Höhepunkt der Schülerproteste, die ausgehend von den „achtundsechziger“ Unruhen an den Universitäten und den Großstadtgymnasien nun auch auf Papenburg übergriffen. Bereits ein Jahr zuvor waren auf Flugblättern, einer beliebten Protestform dieser Jahre, Reformen der Schule, vor allem ein größeres Mitspracherecht der Schüler, gefordert worden. Das Rauchverbot in der Schule wurde bekämpft, Mitsprache der Schüler bei der Unterrichtsplanung und Zensurengebung gefordert und die Schulordnung, z. B. die Anordnung, in den Pausen die Schule verlassen zu müssen, als antiquiert abgelehnt. Es wurde daraufhin ein „Schlichtungsausschuss“ aus Lehrer- und Schülervertretern gebildet, der Streitigkeiten bei der Zensurengebung oder in Disziplinarangelegenheiten gütlich beilegen sollte. Außerdem wurde ein „Gemeinsamer Ausschuss“ gebildet, in dem Lehrer-, Schüler- und Elternvertreter gemeinsam mit dem Schulleiter anstehende Probleme erörtern und Vorschläge für die Gesamtkonferenz erarbeiten sollten. Beide Einrichtungen konnten jedoch den grundsätzlichen, oft politisch motivierten Protest mancher Schüler und ihrer Vertreter gegen die Schule nicht ausräumen.

So kam es während der Jubiläumsfeiern zu einer neuen Flugblattaktion einer zunächst anonymen Schülergruppe, in der die Schule und einige ihrer Lehrer scharf angegriffen wurden. „Der Schlichtungsausschuß hatte mit der Flugblattaffäre seinen ersten Fall zu bearbeiten,“ so der Schulleiter in seinem Jahresbericht, „doch die Schwierigkeiten und das Gewicht des Falles zeigten die Grenzen des Schlichtungsverfahrens sehr deutlich. Der Gemeinsame Ausschuß erhielt den Auftrag, eine Schulordnung auszuarbeiten, kam jedoch nicht zu einem Ergebnis.“

Die Auseinandersetzungen zwischen den Schülervertretern und einem Teil der Oberstufenschüler einerseits und der Schulleitung und vielen Lehrern andererseits dauerten in der folgenden Zeit an oder flammten immer wieder auf, so dass es mehrere Jahre lang nicht mehr möglich schien, gemeinsame Schulfeiern zu planen oder gemeinsam Feste zu feiern. Auch die bis dahin üblichen, von den Klassen 11 mit großem Einsatz vorbereiteten Oberstufenfeste oder gemeinsame Abiturfeiern fanden nicht mehr statt. Die Abiturienten holten sich ihre Zeugnisse gegen Quittung im Sekretariat ab. Erst in der Mitte der siebziger Jahre begann das Schulklima sich wieder zu verändern, und es entstanden durch Kursfeten, Schulfeste, Abigags, Abifeten etc. auch neue Formen, gemeinsam in der Schule zu feiern.