Chronik

Das Gymnasium Papenburg blickt auf viele erinnerungswerte Ereignisse zurück. Verschiedene Schulleiter prägten die Schule. Im Laufe der Zeit veränderte sich der Schulalltag immer wieder.

So wandelten sich die in den 60er Jahren üblichen Abiturientenumzüge seit 1985 zu Abi-Gags. Im Jahr 1986 verhüllte der Abiturjahrgang die Schule. 1993 verkleideten die Abiturienten die Schule als Schloss (Bild).

Die Festschriften zum 100-jährigen, 125-jährigen und 150-jährigen Jubiläum erzählen von der früheren Zeit, zeigen Fotos und berichten von diesem Wandel:

Die ersten hundert Jahre (1869 - 1969)

Von Franz Guhe

1. Vorstufen

Als Dietrich von Velen 1630 die „Papenborch“ vom Bischof von Münster übertragen bekam und im folgenden Jahr den Plan fasste, im Moor rund um die verfallene Burg Kolonisten anzusiedeln, war von Schule und Unterricht noch nicht die Rede. Papenburg blieb in den ersten Jahrzehnten ein nur kleiner Ort. 1662 – 30 Jahre nach der Gründung – gab es in Papenburg erst 14 Häuser, und am Ende des Jahrhunderts (1699) waren es 74. Der erste Schulunterricht fand nach der Errichtung der Kirche St. Antonius 1680 in der neben der Kirche stehenden Schule statt, die deshalb Kirchschule genannt wurde. Kirche und Schule standen damals auf dem Eckgrundstück Hauptkanal / Friederikenstraße. Die Ämter des Lehrers, des Küsters und später auch des Organisten waren lange Zeit in einer Person vereinigt. Erst als Papenburg im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich aufblühte, als Schifffahrt, Schiffbau und Handel immer mehr das Bild der Stadt bestimmten, entstand das Bedürfnis nach einer über die Grundkenntnisse hinausgehenden Schulbildung.

1.1 Die Privatschulen

Diesem Bedürfnis kam eine Privatschule entgegen, die um 1830 an der Friederikenstraße von dem Kandidaten der Philologie Theodor Eylert gegründet wurde. Er unterrichtete seine Schüler in Französisch und in verschiedenen Realfächern, um sie so vor allem für kaufmännische Berufe oder die Seefahrt vorzubereiten. Offenbar überwog das Interesse für die letztere Sparte, denn bald wandelte Eylert seine Schule in eine private Navigationsschule um, die dann 1851 vom Staat übernommen und zur Königlichen Navigationsschule erhoben wurde. Die ursprüngliche Privatschule an der Friederikenstraße wurde zwar auch noch von anderen Privatlehrern weitergeführt, genügte aber bald den Ansprüchen nicht mehr. Ein Antrag an das Königliche Ministerium in Hannover, eine weiterführende Schule in Papenburg einzurichten, wurde dahingehend beschieden, das Ministerium sei bereit, einen jährlichen Zuschuss von 350 Talern zu einer solchen Schule zu geben, die Stadt müsse aber 1000 Taler jährlich garantieren und zudem das Schulhaus stellen und unterhalten. Außerdem verlangte das Ministerium das Recht, allein über die Lehrereinstellung und den Lehrplan zu befinden, wollte also die volle Aufsicht über die Schule.

Das entsprach nun keineswegs den Vorstellungen von Bürgermeister und Gemeindevorstand, die ein stärkeres Mitspracherecht einforderten. Da es zu keiner Einigung kam, beschritt man in Papenburg einen anderen, etwas ungewöhnlichen Weg, um an eine weiterführende Schule zu kommen.

1.2 Schule als Aktiengesellschaft

Der Pfarrer der Antoniusgemeinde, J. B. Schulte, wurde beauftragt, die Grundzüge für eine private höhere Bürgerschule zu entwerfen, und einige Mitglieder des Gemeindevorstandes, allen voran der Senator Anton Klasen, übernahmen es, sich um die Finanzierung zu kümmern. Im „Schifffahrts- und Anzeigenblatt“ vom 16. Juni 1850 erschien ein Aufruf an die Papenburger Bürger zu einer Versammlung, um über die Errichtung einer weiterführenden Schule zu beraten. Am 18. Juni 1850 trafen sich 33 Papenburger im „Bueren‘schen Clublokale“, und es wurde beschlossen, durch eine Aktiengesellschaft das für die Schule notwendige Kapital zu beschaffen. Ebenso wurden die von Pfarrer Schulte ausgearbeiteten Grundzüge für die Schule gebilligt. Daraufhin wurden in den folgenden Wochen Aktien zu einem Nennwert von 25 Talern vor allem unter den Papenburger Bürgern vertrieben, und bald stand ein Anfangskapital von 2775 Talern zur Verfügung. Damit kaufte man Grundstück und Haus des Kapitäns Hermann Kramer am Hauptkanal links Nr. 66 für etwa 2000 Taler. Auf diesem Grundstück ist die Papenburger Schule bis 1959, dem Jahr des Umzugs in den Neubau an der Russellstraße, geblieben. Der Umbau des Hauses zur Schule, die übrigen Kosten und die Lehrergehälter sollten aus der verbleibenden Summe und dem Schulgeld finanziert werden. Die Schüler bezahlten in der untersten Klasse 16 Taler, in der zweiten 20 Taler und in der dritten 24 Taler pro Jahr.

Die neue Privatschule bestand also aus drei Klassen. Ihre Ziele wurden in den „Statuten für die höhere Bürgerschule zu Papenburg“ so formuliert:

Der Zweck dieser Lehranstalt ist, eine Gelegenheit zur Gewinnung einer weiteren Ausbildung darzubieten, als in unseren Elementarschulen erlangt werden kann. Es sollen darin die Knaben, welche Schiffer werden wollen, in ihren Kenntnissen so weit gefördert werden können, dass sie später durch einjährigen Besuch der Navigationsschule zum Bestehen der Steuermannsprüfung sich befähigen können; diejenigen, welche sich für die Handlung ausbilden wollen, so weit, dass sie Lehrlingsstellen auf guten Comptoirs oder in guten Handlungen antreten; die aber, welche zu den höheren Studien übergehen wollen, auch so weit, dass sie mit dem vollendeten 14. oder 15. Lebensjahr in die mittleren Klassen eines Gymnasiums eintreten können.

Die Schule war im wahrsten Sinne des Wortes eine Privatschule, denn nicht einmal ihre Existenz war den Schulbehörden bekannt. Als im Jahre 1860 ein Streit um den Deutschunterricht an der Königlichen Navigationsschule zu einem Leserbrief in der Ems-Zeitung führte, kam es zu erstaunten Anfragen zwischen der Königlichen Landdrostei in Aurich, dem „Königlich Hannoverschen Katholischen Consistorium“ in Osnabrück und dem Ministerium in Hannover, was es denn mit der Höheren Bürgerschule in Papenburg auf sich habe. Schließlich wurde Pfarrer Schulte als „Präses der Schule“ und Mitglied der Schulkommission aufgefordert, einen Bericht über die Schule zu geben. Er nutzte die Gelegenheit, auf die Unzulänglichkeiten und schwierigen finanziellen Verhältnisse der Schule hinzuweisen:

Die sogenannte höhere Bürger-Schule ist bis jetzt eine Privatanstalt. Die Kinder, welche dieselbe besuchen, müssen nebst dem hohen Schulgelde auch noch das Schulgeld der Volksschullehrer bezahlen. Es wäre zu wünschen, dass sie zu einer öffentlichen Schule unter annehmbaren Bedingungen erhoben würde, und durch Erniedrigung des Schulgeldes recht vielen Knaben die Gelegenheit zu einer größeren Ausbildung, als ihnen in der Volksschule gegeben werden kann, geboten wird, (Knaben,) welche hier mehrenteils dem Schifferstande angehören und sich auch demselben wieder widmen, und sich auf diese Weise hier ein Schifferstand bilden könnte, wovon das Gesetz über die Steuermannsprüfung sagt: Die Schiffer sollen den gebildeten Ständen zugerechnet werden. Es wäre dann auch noch zu wünschen, dass die hier bestehende Privat-Anstalt zu einer öffentlichen erhoben und noch vollständiger eingerichtet würde, damit die Bildung allgemeiner in Papenburg würde, weil diese im Verhältnis zu den Geschäften und zeitlichen Mitteln nicht so sehr fortgeschritten ist.

Doch die Bitte blieb zunächst ohne Gehör, die Behörden sahen keinen Anlass, an den Schulverhältnissen in Papenburg etwas zu ändern. Die Situation der Schule wurde immer kritischer, weil die Schülerzahl, die zeitweilig 69 betragen hatte, bis zum Jahre 1868 auf 29 absank.

Wirtschaftlich hingegen erlebte Papenburg in dieser Zeit einen beträchtlichen Aufstieg. 1853 hatte die Gemeinde dem Grafen von Landsberg-Velen die gutsherrlichen Besitzungen und Rechte für 100 000 Taler abgekauft, 1860 erhielt sie vom Hannoverschen Innenministerium die Stadtrechte. Die neue Hannoversche Westbahn hatte 1856 ihren Betrieb aufgenommen und Papenburg endgültig an das Eisenbahnnetz angeschlossen; der Ausbau der Seeschleuse stand bevor. 1866 waren in Papenburg 200 Seeschiffe beheimatet, und in der Stadt gab es 50 Schiffsreedereien. Die als neutral anerkannte Papenburger Flagge hatte den Papenburger Kaufleuten besonders während des Krimkrieges beträchtliche Gewinne beschert.

So lag es nahe, dass der erste hauptamtliche Bürgermeister der neuen Stadt, Emil Russell, schon bald nach seinem Amtsantritt versuchte, statt der kränkelnden Privatschule eine öffentliche städtische Schule mit einer soliden finanziellen Basis zu schaffen. Er schrieb dazu:

Wenn die Stadt in ihrer Entwicklung nicht stehen bleiben will, wenn sie nicht durch die allseitige Konkurrenz unserer überall mit Dampf und Intelligenz arbeitenden Zeit überflügelt werden will, dann ist eine tüchtige Reallehranstalt ein unbedingtes Erfordernis.

Doch erst nachdem Papenburg 1866 mit dem Königreich Hannover an Preußen gefallen war, kam Bewegung in die lange erörterte Schulfrage. Nach zähen Verhandlungen mit den Behörden und den Aktionären der bisherigen Privatschule war endlich 1869 der Weg frei für eine neue öffentliche und städtische Schule.

2. Bürgerschule und Progymnasium

2.1 Die Städtische Höhere Bürgerschule 1869 - 1882

Fundament der neuen Schule war die bisherige Privatschule. Fast alle Aktionäre erklärten sich bereit, ihre Aktien der Stadt zu schenken. Auch das Schulgebäude mit Inventar wurde zunächst auf drei Jahre und dann endgültig kostenlos der Stadt überlassen. Der Provinzialschulrat Schmalfuß beriet die Stadt bei ihren Plänen und legte einen Entwurf für eine „höhere Schule mit realem Lehrplan“ vor, die nach dem preußischen Normalplan von 1859 „Höhere Bürgerschule“ hieß. Finanziert wurde die Schule durch das Schulgeld der Schüler, einen Zuschuss des Landes Preußen, einen Beitrag der Hannoverschen Klosterkammer, die das seit dem Jahre 1803 säkularisierte Kirchengut des Königreichs Hannover verwaltete, und im übrigen durch die Stadt Papenburg. Als schließlich der Bürgermeister Russell am 25. Oktober dem neuen Rektor der Schule die Schlüssel überreichen konnte, hatte er sein zäh verfolgtes Ziel erreicht.

Zum ersten Schulleiter war im September 1869 der Gymnasiallehrer Hermann Brandi aus Meppen gewählt worden. Außer ihm wurden die wissenschaftlichen Lehrer Gustav Overholthaus, Johannes Diekmann und Christian Bußmann eingestellt. Bußmann war schon vorher an der privaten Bürgerschule tätig gewesen.

Die Schule begann wie die frühere Privatschule mit drei Klassen, in denen 60 Schüler unterrichtet wurden. Sie wurde dann in den folgenden Jahren zu einer siebenjährigen Schule ausgebaut, die bis zur sogenannten Primareife führte, d. h. sie schloss mit der Obersekunda, der heutigen Klasse 11, ab. So fand also 1874 die erste Abschlussprüfung, damals auch Abitur genannt, statt. Alle fünf Obersekundaner bestanden die Prüfung. Daraufhin wurde die Schule als eine „zu gültigen Entlassungsprüfungen berechtigte höhere Bürgerschule“ anerkannt. Ihre Absolventen konnten in die Prima (heute Klasse 12) eines Gymnasiums eintreten oder sich zum einjährigen freiwilligen Militärdienst melden – daher der Name „Einjähriges“ für diese Prüfung.

Die Höhere Bürgerschule war nach ihrem Statut von 1871 eine städtische Schule. Damit war die Stadt nicht nur Schulträger im heutigen Sinn, sondern die städtischen Kollegien wählten auch den Rektor der Schule und die Lehrer, die angestellt werden sollten. Der Schulbehörde blieb lediglich die Bestätigung der Wahl oder der Einspruch. Der Stadtkämmerer erhob das Schulgeld, dessen Höhe von der Stadt festgelegt wurde. Außerdem hieß es in § 2 des Statutes:

Der konfessionelle Charakter der Schule ist der katholische. Demnach müssen sowohl die Mitglieder der Schulkommission als auch die Lehrkräfte der katholischen Confession angehören.

Die Bürgerschule zeigte in den ersten Jahren ihres Bestehens eine ruhige, beständige Entwicklung. Obgleich der erste Rektor Hermann Brandi die Schule bereits nach vier Jahren verließ, weil er in die Schulbehörde und schließlich in das preußische Kultusministerium nach Berlin berufen wurde, hatte er doch in diesen wenigen Jahren der Schule ein festes Fundament gegeben. Die Schülerzahl stieg kontinuierlich und erreichte unter dem zweiten Rektor Dr. Theodor Erdmann im Jahre 1877 mit 142 Schülern einen ersten Höchststand.

2.2 Das Realprogymnasium 1882 - 1907

1882 wurde die Schule auf Grund der allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen in Realprogymnasium umbenannt. Das hatte nur geringe Auswirkungen auf den Lehrplan. Durch die Benennung wurde aber deutlich, dass die Schule dem Realgymnasium zugeordnet war, einer Schulart, die im Unterschied zu den humanistischen Gymnasien, in denen die alten Sprachen Griechisch und Latein im Mittelpunkt standen, ihr Schwergewicht in den neueren Fremdsprachen, Mathematik und den Naturwissenschaften hatte. Größere Auswirkungen hatte es, dass die Realprogymnasien im folgenden Jahre das Recht erhielten, den Schülern schon nach einjährigem Besuch der Sekunda (heute Ende der Klasse 10) die Berechtigung zum einjährigen freiwilligen Militärdienst ohne besondere Abschlussprüfung zuzusprechen. Nun verließen fast alle Schüler die Schule zu diesem Zeitpunkt, denn der Besuch der Obersekunda (Klasse 11) und die Abschlussprüfung waren nur noch für diejenigen erforderlich, die die Prima eines Gymnasiums besuchen wollten und ein Universitätsstudium anstrebten. So bestand die Obersekunda in den nächsten Jahren nur aus zwei bis fünf Schülern.

Im Jahre 1892 verloren dann alle Progymnasien die Obersekunda; die Schulzeit wurde auf sechs Jahre reduziert, aber das „Einjährige“ wurde jetzt wieder vom Bestehen einer Prüfung abhängig gemacht. In dieser Form hat das Realprogymnasium in Papenburg bis zum Jahre 1907 bestanden. Im Durchschnitt wurde es von etwa hundert Schülern besucht.

3. Unterricht und Schulordnung um 1900

3.1 Unterrichtszeit und Silentium

Unterricht wurde in den ersten Jahrzehnten der Schule am Vormittag von 8 bis 12 Uhr und am Nachmittag von 14 bis 16 Uhr erteilt. Die weiter entfernt wohnenden Schüler durften sich während der Mittagspause ohne Aufsicht im Schulgebäude aufhalten, doch hat das ganz offensichtlich ständig zu Ärger geführt. Häufig wurden die Schüler verwarnt und aufgefordert, das Inventar zu schonen, sich ruhig zu verhalten etc., denn die Nachbarn führten immer wieder Klage über das Verhalten der Schüler.

Um diesen Unzuträglichkeiten ein Ende zu bereiten, aber auch aus anderen Gründen wurde im Herbst 1904 der Nachmittagsunterricht auf den Vormittag verlegt. Nur der evangelische Religionsunterricht und Turnen fanden weiterhin am Nachmittag statt. Der Schulleiter Dr. Nolte schrieb dazu im Schulprogramm von 1905:

Diese Einrichtung [sc. die Verlegung des gesamten Unterrichts auf den Vormittag] bedarf in gesundheitlicher und erziehlicher Hinsicht keiner Verteidigung mehr. Sie bestand in zahlreichen Städten seit vielen Jahren und wurde, soweit sich ermitteln ließ, nirgends wieder aufgegeben. Eine ganze Reihe von königlichen Lehranstalten ging ohne jede Nachfrage bei den Eltern und lediglich deshalb zu ihr über, weil sie für die Schule in geistiger und leiblicher Beziehung förderlicher ist. In Papenburg drängte dazu außerdem der eigenartige Anbau der Stadt. Ihre unverhältnismäßige Längenausdehnung verhinderte einen nicht unerheblichen Teil der Schüler, mittags bei den Eltern zu speisen. In den Akten der Anstalt findet sich ein gerichtlich behandelter Fall erwähnt, dass zwei Schüler zufolge dessen jahrelang an keinem Wochentag eine warme Mahlzeit erhielten. [...] Und drittens genossen die meisten Bewohner des abgelegenen Obenendes der Stadt vom Realprogymnasium, obwohl sie doch auch ihr Scherflein dazu beisteuern, überhaupt keinen Vorteil. Da sie größtenteils nicht in der Lage sind, ihre Kinder daheim für eine höhere Klasse auszubilden, so blieben ihre Söhne, so brav und tüchtig sie auch sein mochten, vom Besuch des Realprogymnasiums so gut wie ausgeschlossen, denn Kinder schon im Alter von 9 - 12 Jahren in eine stundenweite Schule zu schicken, wo sie ohne eine andere Stärkung als ihr mitgebrachtes Butterbrod bis zum späten Nachmittag verweilen müssen, ist schlechterdings nicht angängig.

Doch auch in den Jahren, in denen noch regelmäßig Nachmittagsunterricht erteilt wurde, war den Schülern die Zeit für ihre Hausarbeiten (Silentium) genau vorgeschrieben. Am 7. Oktober 1870 wird festgelegt:

Von jetzt an tritt für alle Klassen [...] das Silentium ein. Dabei ist folgendes zu beachten:

  • 1. Jeder Schüler muss täglich von 5-7 Uhr nachmittags in seiner Wohnung verbleiben, Sonn- und Feiertage ausgenommen.
  • 2. Nach 7 Uhr abends ist das Verlassen des Hauses gar nicht mehr gestattet, auch an Sonntagen nicht [...]
  • 4. In allen dringlichen Fällen, wo ein Schüler das Silentium glaubt nicht ordnungsgemäß halten zu können, muss rechtzeitig vom Ordinarius Urlaub geholt werden.

Es gehörte zu den Aufgaben der Lehrer zu überprüfen, ob das Silentium auch eingehalten wurde. Später wurde die Zeit für das häusliche Silentium differenziert. Sie betrug seit 1886 für die jüngsten Schüler eine Stunde, für die ältesten drei Stunden.

3.2 Verhalten außerhalb der Unterrichtszeit

Auch für das Verhalten der Schüler außerhalb der Unterrichtszeit gab es zahlreiche Anordnungen. Sie waren in der Schulordnung zusammengefasst. Daraus einige Abschnitte, wie sie im Schulprogramm von 1877 abgedruckt sind:

  • 14. Auswärtige Schüler dürfen ihre Wohnung nur nach vorgängiger Genehmigung des Rektors wählen. Das Haupt der Familie, in welcher ein solcher Schüler Wohnung nimmt, verpflichtet sich, die Aufsicht über seinen häuslichen Fleiß und sein Betragen zu übernehmen, um der Schule gegenüber als Stellvertreter des Vaters zu handeln. Gewinnt die Schule die Überzeugung, dass ein solcher Schüler nicht die nötige Aufsicht hat oder dass die Verhältnisse, in denen er lebt, der Sittlichkeit nachteilig sind, so kann die Direktion von den Eltern eine Änderung dieser Verhältnisse, resp. einen Wechsel der Wohnung verlangen.
  • 15. Auch außerhalb der Schule wird jedem Zögling derselben ein anständiges, gesittetes und bescheidenes Betragen zur Pflicht gemacht. Auf dem Wege zur Schule und aus der Schule hat sich derselbe jeden Schreiens, Lärmens etc. zu enthalten und ist jeder ungerechtfertigte Aufenthalt auf der Straße von ihm zu vermeiden.
  • 16. Zusammenkünfte von Schülern zu Trinkgelagen, Kartenspiel und anderen ihre sittliche und wissenschaftliche Ausbildung beeinträchtigenden Zwecken sind streng untersagt.
  • 17. Vereine von Schülern, zu welchem Zwekke es auch sei, dürfen nur mit Genehmigung der Direktion bestehen.
  • 18. Das Tabakrauchen in der Öffentlichkeit ist verboten.
  • 23. Der Besuch aller Wirthshäuser und Konditoreien, Billards etc. in der Stadt ohne Begleitung ihrer Eltern und ohne vorher von dem Ordinarius eingeholte Erlaubnis auch außerhalb der Stadt ist allen Schülern untersagt.

Zum letzten Abschnitt schien dem Rektor Dr. Erdmann eine Erläuterung erforderlich, und deshalb fügte er hinzu:

In Bezug auf diesen Punkt richten wir im Interesse der Schule an alle Restaurateure, Gastwirthen, Konditoren etc. die ernste Bitte, nicht durch Duldung oder gar Begünstigung eines gesetzwidrigen Treibens der Schüler unserer Anstalt ein verschulden auf sich zu laden oder gar die Schule zu unliebsamen Maßregeln zu drängen. Oft bleiben der Schule grobe Übertretungen der Schulgesetze seitens der Schüler längere Zeit verborgen, während sie offen vor den Augen von Leuten aus dem Publikum liegen.

Schließlich wurde im Schulprogramm von 1906 den Gastwirten angedroht, dass „Übertretungen [...] bei der Ortspolizei klagbar gemacht werden und dazu führen, dass ihnen der Ausschank entzogen wird.“ Wie nicht anders zu erwarten, wurde das Gebot häufig übertreten, und so wurden immer wieder Strafen über Schüler verhängt, die beim Besuch einer Gastwirtschaft ertappt worden waren. Hier als Beispiel die Bestrafung eines Schülers aus dem Jahre 1885, die allen Schülern zur Abschreckung durch das „Publikandum“ mitgeteilt wurde:

Der Untersekundaner Johann Breymann hat in der vorigen Woche die Wirtschaft der Ww. Eisenbart auf dem Obenende besucht, trotzdem dass der Ordinarius der Sekunda noch wenige Tage vorher ernstlich seine Schüler vor dem Wirthshausbesuche gewarnt und sie auf die Folgen der Übertretung des betreffenden Schulgesetzes aufmerksam gemacht hatte. Eine derartige Missachtung der Schulordnung musste prompt geahndet werden. Das Lehrerkollegium hat demnach in der Konferenz vom 17. d. M. beschlossen, den Breymann mit 2 Stunden Carcerstrafe zu belegen und ihm im Wiederholungsfalle das Consilium abeundi [d. h. die Androhung der Verweisung von der Schule, d. Verf.] zu ertheilen.

Das Lehrerkollegium

gez. Erdmann

Außer dem Besuch der Wirtshäuser war auch die Benutzung öffentlicher Leihbibliotheken verboten. Jeder Privatunterricht, wozu auch Musik- und Tanzstunden gehörten, war nur mit Einwilligung des Rektors gestattet.

3.3 Kleidung, Gesundheit, Baden

Die Schüler höherer Schulen waren in der Öffentlichkeit an den bunten Schülermützen zu erkennen; jede Klassenstufe hatte ihre eigenen Farben. Die Schule legte Wert darauf, dass diese Mützen von jedem auch außerhalb der Schule stets getragen wurden. Nun gab es aber schon im vorigen Jahrhundert einige Nonkonformisten, die den Strohhut der Schülermütze vorzogen und damit nach Meinung des Rektors und der Lehrer die Schulordnung gefährdeten. Es scheint, dass sie als Begründung die Erhaltung ihrer Gesundheit vorgebracht haben, denn in einem „Publicandum“ vom 8.Mai 1889 wird den Schülern mitgeteilt:

Das Tragen von Strohhüten kann vorläufig nur auf Grund eines ärztlichen Attestes gestattet werden.

Doch war die Diskussion über die Strohhüte damit wohl noch nicht beendet, denn kurze Zeit später wird das Verbot gemildert:

Von jetzt an soll den Schülern das Tragen von Strohhüten gestattet sein, ausgenommen jedoch, wenn sie an Sonn- und Feiertagen zur Kirche geführt werden und überhaupt des Abends nach 7 Uhr.

Die Einstellung zum Baden im Freien hat sich im Laufe der Jahre ganz erheblich verändert. Zunächst heißt es in einer Mitteilung an die Schüler 1870:

Es ist unseren Schülern ein für allemal strenge verboten, im Freien zu baden. Zu geeigneter Zeit wird durch das Publikandum mitgetheilt werden, wann und wo das Baden demnächst gestattet werden kann.

Einige Jahre später wird das Baden unter Aufsicht eines Erwachsenen und an den von der Schule bezeichneten Stellen gestattet. Im Sommer 1884 erhalten die Schüler genaue Anweisungen über das Verhalten beim Baden:

Papenburg, den 5. Juli 1884

Wegen der großen Hitze fällt heute der Nachmittagsunterricht aus. – Es sind Klagen laut geworden über das Verhalten einzelner Schüler beim Baden. Indem die Schule hofft, dass in Zukunft seitens unserer Schüler keine Veranlassung zu derartigen Klagen gegeben wird, macht sie darauf aufmerksam, dass das Baden für die Gesundheit nachtheilig ist, wenn man länger als 10 Minuten im Wasser verweilt. Auch ist dafür zu sorgen, dass der Körper beim Baden stets in Bewegung bleibt und der Kopf durch öfteres Untertauchen stets feucht gehalten wird. – Ist ein Schüler mit dem Baden fertig, so hat er sich sofort anzukleiden und dann nach Hause zu begeben.

gez. Erdmann

Der im Jahre 1904 zum Schulleiter berufene Dr. Hans Nolte hatte jedoch ganz andere Vorstellungen von sportlicher Betätigung und damit auch vom Baden. Er führte seit dem Jahre 1906 Freischwimmerlisten in der Schule, in die sich jeder Schüler eintragen durfte, der zehn Minuten lang schwimmen konnte, später jeder, der sich dreißig Minuten über Wasser halten konnte.

Da die weiten Schulwege bei Wind und Wetter die Schüler körperlich strapazierten, sorgte sich die Schule um die Gesundheit der Schüler, und deshalb wurde ihnen geraten (Schulprogramm 1905):

  • 1. die Bücher in einem Rucksack zu tragen,
  • 2. sich bei naßkalter Witterung mit dicksohligem Schuhwerk, dicken Strümpfen (oder einem zweiten Paar) und einem wasserdichten Havelock oder Radmantel zu bekleiden. Nasse Mäntel können bei der Schulwärterin zum Trocknen aufgegeben werden. Sie nimmt auch unentgeltlich Ersatzkleider zum Wechseln in Verwahrung.

3.4 Ein Wandertag der Schule im Jahre 1906

Klassenfahrten und Wandertage waren in den ersten Jahrzehnten der Schule unbekannt. Erst um die Jahrhundertwende begannen sie, Teil des Schullebens zu werden. Der wohl erste Wandertag der gesamten Papenburger Schule fand im Jahre 1906 statt. Im Schulprogramm der Schule wird mit erkennbarem Stolz berichtet:

Die drei unteren Klassen wanderten, begleitet von den jüngeren Lehrern der Anstalt, zum städtischen Gehölz und von hier nach Einnahme eines Frühstücks zum städtischen Förster, bei dem die Quintaner und Sextaner [heute Klassen 6 und 5] zu Mittag aßen. Den Rückweg legten sie durchs Moor zurück. Die Quartaner [heute Klasse 7] speisten in dem entfernter gelegenen Dorf Schleinhege und kehrten etwas später heim.

Die Tertianer und Sekundaner [heute die Klassen 9 - 11] unternahmen einen Ausflug nach Sögel. Diejenigen, die sich zur Radfahrt nicht angemeldet hatten – im ganzen zehn [...] fuhren in Begleitung der Ordinarien der Tertia bald darauf mit der Bahn. Die Radfahrer 43 an der Zahl – stellten sich zunächst zu einer mit Einberechnung der Abstände über fünf Minuten langen und in sechs Abteilungen gegliederten Reihe auf und setzten sich dann unter Leitung des Direktors nach einem alle Vorkommnisse einer längeren Radfahrt bedenkendem Plane in Bewegung. Die Fühlung mit der Spitze unterhielten Pfeifensignale der Abteilungsführer. Die schlimmste Strecke begann an der Papenburger Grenze, wo die Heerstraße in einen traurigen, für Radler nur dicht am Kanal befahrbaren Feldweg übergeht. Hier wurde fortgesetzt langsam und mit weiten Abständen gefahren. Bis zur Ankunft am Fuße der den Kanal beschließenden Bodenerhebung verliefen fast zwei Stunden. Bei dem an der Abdachung errichteten Glockengerüst genossen die Schüler im Anblick der endlosen Moorfläche und des in verschleierter Ferne entschwindenden Kanals die erste Rast. Eine zweite verbrachten sie bei den sehenswerten Hünengräbern der Stadt Börger. Gegen halb eins langten sie endlich in Sögel an, wo die mit der Bahn hergereisten Lehrer und Schüler inzwischen bereits eingetroffen waren. Herr Gastwirt Dinklage hatte ein Mittagessen vorbereitet, das selbst die kühnsten Erwartungen befriedigte. Nach der Mahlzeit besichtigten die Schüler das Schloß Clemenswerth. Wegen der für einen Septembertag ganz ungewöhnlichen Hitze musste von jeder Fortsetzung der Radfahrt abgesehen werden: Die Bahnreise von Sögel nach Lathen und von Lathen nach Aschendorf wird zu den minder schönen Erinnerungen des Ausflugs zählen, denn das Hümmlinger Vizinalbähnchen gewährte ungeachtet seiner fürchterlichen Preise keinerlei Ermäßigung, und auf der Staatsbahn musste für die Fahrräder dasselbe Fahrgeld bezahlt werden wie für die Radler. So verlangt es der § 12 der Eisenbahn-Verkehrsordnung. Von Aschendorf nach Papenburg traten wieder die Räder in Gebrauch. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit befanden sich alle Schüler wohlbehalten daheim. Keiner von ihnen hatte irgendeinen nennenswerten Unfall erlitten.

3.5 Politische Ereignisse und staatliche Gedenktage

Ein Jahr nach Eröffnung der Höheren Bürgerschule begann 1870 der deutsch-französische Krieg. Die damals in Deutschland verbreitete nationale Begeisterung fand auch in der Schule ihren Widerhall. Den Schülern wurde am 26. Juli mitgeteilt:

Auf höhere Anordnung findet morgen in allen Kirchen des Landes ein feierlicher Gottesdienst statt, um Gottes Segen auf unsere bewaffneten Brüder und ihr schweres Werk herabzurufen. Die Schüler unserer Anstalt sind verpflichtet, an der kirchlichen Feier teilzunehmen und soll deshalb morgen der Unterricht ausfallen.

Dieses nationale Hochgefühl wird noch deutlicher zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914:

An den meisten Feiertagen versammelten sich sämtliche Schüler nach der dritten Morgenstunde im Freien oder bei ungünstiger Witterung im Schulhause, um die neuesten Nachrichten von den Kriegsschauplätzen nebst darauf bezüglichen Gedichten und Vorträgen anzuhören und der hierdurch erweckten Stimmung durch begeisterte Lieder und Hochrufe Ausdruck zu verleihen. (Schulprogramm 1915)

Am Sedanstag, dem nationalen Feiertag der Kaiserzeit zur Erinnerung an den Sieg über Frankreich bei Sedan im Jahre 1870, versammelten sich alljährlich Lehrer und Schüler zu Feierstunden oder Umzügen. So lesen wir zum Beispiel im Schulprogramm 1906:

Die Schüler ordneten sich frühmorgens auf dem Schulplatze zu einem Festzuge mit der Fahne und der Schülerkapelle an der Spitze. Den Schluß bildeten die Radfahrer auf malerisch buntgeschmückten Rädern. Nachdem Oberlehrer Austermann kurz an die Bedeutung des Tages erinnert und das Kaiserhoch ausgebracht hatte, begab sich der Zug vor das nahegelegene Haus des Fabrikbesitzers Jos. Dieckhaus [Dieser hatte die Schule vielfach und großzügig unterstützt, d. Verf.], um ihn durch ein Musikstück und ein dreimaliges Hoch zu ehren. Dann zogen die Schüler unter Musikbegleitung am Hauptkanal entlang und über die Wiek bis zum Mittelkanal, wo sich der Festzug auflöste.

Zu einer dieser Feierstunden, die in der Regel aus Deklamationen, Reden, Musik und Gesang bestanden, schrieb der Schulleiter Dr. Hans Nolte ein Theaterstück „Deutsche Selbstachtung“ in dem er zwei deutsche Primaner Fritz und Wilhelm im Kolosseum in Rom in einer Mondscheinnacht mit dem Geist Ciceros diskutieren lässt. Die beiden deutschen Schüler preisen ihr Vaterland und ihren Kaiser, und am Ende erkennt sogar Cicero an, dass Deutschland für seine Leistungen in der Poesie, den Künsten und Wissenschaften die Siegespalme gebührt. Die alten Römertugenden, so meint er, seien nur in Deutschland lebendig geblieben. Die Nachfahren der alten Römer hingegen sind arg heruntergekommen; sie erscheinen als Banditen, die die Fremdlinge überfallen und ausrauben wollen. Doch die wissen sich mit ihrer Pistole zu wehren, und der Geist Ciceros ruft erstaunt aus:

Wer bist du, Fremdling, der mit Blitzen und Donnerkeil sich weiß zu schützen?

4. Das Städt. Realgymnasium 1907 - 1936

4.1 Die Erweiterung der Schule

Der Wunsch, ein vollausgebautes Gymnasium zu haben, war schon alt. Bereits im ersten Jahresbericht der höheren Bürgerschule von 1874 schrieb Rektor Erdmann, es sei „gegründete Hoffnung vorhanden, dass die Stadt Papenburg in wenigen Jahren einer vollständigen höheren Schule, einer Realschule I. Ordnung, sich erfreuen wird“. Doch es vergingen mehr als dreißig Jahre, bis sich die Hoffnung erfüllte. Das Ende der Segelschiffahrt und des Holzschiffbaus führte in Papenburg zu schweren wirtschaftlichen Rückschlägen, die sich auch in einem Absinken der Schülerzahl des Progymnasiums niederschlugen. Erst um die Jahrhundertwende brachten Handel und neu in Papenburg angesiedelte Industrien wieder steigenden Wohlstand. So fand das Bestreben Dr. Hans Noltes, der seit 1904 die Schule leitete, bei den Vertretern der Stadt volle Unterstützung, obgleich die finanziellen Mehrausgaben, die zum größten Teil die Stadt tragen musste, beträchtlich waren. Am 7. Dezember 1904 beschlossen die Bürgervorsteher einstimmig, das Realprogymnasium vom folgenden Schuljahr an zu einer „Vollanstalt“ auszubauen. Doch die Verhandlungen des Magistrats mit der königlichen Regierung zogen sich hin und hatten zunächst nicht den gewünschten Erfolg. Dr. Nolte warb weiter für den Plan des Schulausbaus und appellierte an den Geschäftssinn der Papenburger Bürger. Er rechnete ihnen vor, dass sie jetzt 30 000 - 50 000 Mark für die studierenden Söhne nach auswärts zahlten. Hätte Papenburg aber ein vollausgebautes Gymnasium, werde umgekehrt das Drei- bis Fünffache dieses Betrages nach Papenburg fließen.

Die Regierung hatte bei den Verhandlungen die Frage gestellt, ob denn wohl auch über die eigentliche Stadt hinaus in der Umgebung das Bedürfnis für eine solche Schule bestehe. Daraufhin gingen zahlreiche Gesuche, vor allem aus dem ostfriesischen Raum, bei der Regierung ein, mit der Bitte, in Papenburg ein Realgymnasium einzurichten. Schließlich traf nach langem Hin und Her am 27. März 1907 in den Osterferien die Genehmigung ein.

Die Vorbereitungen für eine gymnasiale Oberstufe waren bereits getroffen, und es wurde gleich nach den Osterferien im Schuljahr 1907/08 eine Obersekunda (Klasse 11) eingerichtet, so dass der erste Durchgang durch die Oberstufe 1910 abgeschlossen war. Wie Dr. Nolte vorausgesagt hatte, stieg die Schülerzahl schnell an; viele auswärtige Schüler kamen nach Papenburg, und im Jahre 1910 erreichte die Schülerzahl mit 248 einen vorläufigen Höhepunkt. Von den 130 auswärtigen Schülern wohnten 60 bei Papenburger Familien. Das scheint manche Leute beunruhigt zu haben, wie folgende Äußerung Dr. Noltes zeigt:

Einer weiteren Entwicklung bedarf wohl noch das Verhältnis der Papenburger Einwohner zur Vollanstalt, einerseits insofern, als sie sich noch immer zahlreicher und besser auf die Beherbergung und Beköstigung der auswärtigen Schüler einrichten, und andererseits, indem sie die Schüler mit wachsendem Verständnis zu beurteilen und behandeln lernen. Daraus, dass jetzt infolge der größeren Zahl und des zum Teil vorgerückten Alters der Schüler einzelne unliebsame Erscheinungen des Schullebens bemerkbarer hervortreten, darf nicht gefolgert werden, dass sich die Sitten verschlechtert haben. Es gab bisher nichts zu beklagen, was nicht auch schon in den Zeiten der Nichtvollanstalt und sogar mitunter öfter und schlimmer vorgekommen wäre. Beweisbare grobe Ausschreitungen haben überhaupt nicht stattgefunden.

Noch irriger ist die Annahme, dass die auswärtigen Schüler sittlich tiefer stehen als die einheimischen. Fremde Schüler zweifelhaften Charakters dürfen gar nicht aufgenommen werden und wir haben das auch nicht nötig, denn es melden sich schon jetzt mehr Schüler, als wir lassen können. Unsere meisten aus weiter Ferne stammenden Schüler sind wohlerzogene Kinder aus besserer Familie, von denen die einheimischen mancherlei Gutes lernen. Obwohl auswärtige Schüler leichter versucht sein können, abends ihre Wohnung zu verlassen, weil sie sich daheim öfters vereinsamt fühlen, obwohl sie ferner, des Papenburger Trinkwassers ungewohnt, größere Neigung zum Biergenuß verspüren mögen, und obwohl endlich ihre häusliche Beaufsichtigung gewöhnlich lokkerer ist als die der einheimischen Schüler, ist dennoch hinsichtlich ihres Betragens kein auf fallender Unterschied hervorgetreten. Sie würden allerdings noch besser abschneiden, wenn die Eltern der Papenburger Schüler sie öfter mit Einladungen beehrten, sei es auch nur zu gemütlichem, kostenlosem Familienverkehr. Nicht nur, dass sie auf diese Weise vor mancherlei Verfehlungen bewahrt blieben, sondern man würde auch allgemeiner erkennen, wie harmlos in Wirklichkeit unsere auswärtigen Schüler sind, und wie leicht in der Regel die Jugend heilsam zu beeinflussen ist, wenn man ihr mit Vertrauen und Freundlichkeit begegnet.

Der Ausbau zum Realgymnasium wurde jedoch vor allem durch den Lehrermangel dieser Jahre erschwert. Dr. Nolte meinte sogar, mit so vielen Hindernissen wie in Papenburg dürfte man bei der Vorbereitung des Abiturs noch nirgends zu kämpfen gehabt haben. Doch 1910 war das ersehnte Ziel erreicht – acht Schüler bestanden die erste Abiturprüfung des Realgymnasiums.

4.2 Blütezeit und Erster Weltkrieg

Das junge Realgymnasium entwickelte über den Unterricht hinaus eine für diese Zeit erstaunliche Vielfalt und Lebendigkeit. Im Jahresbericht 1906/07 wird zum ersten Mal von Schwimm- und Ruderübungen der Schüler berichtet. Der Fabrikant Dieckhaus schenkte der Schule ein Ruderboot und ermöglichte damit den Beginn eines eigenen Schülerruderns. Die übrigen sportlichen Betätigungen außerhalb des Unterrichts werden unter der Rubrik „Bewegungsspiele und Märsche“ geführt. Dr. Nolte begründete ihre Notwendigkeit ganz im Stile seiner Zeit:

Daß die Bewegungsspiele und Märsche den Stoffwechsel erleichtern und dadurch zu einer Hauptquelle leiblichen und geistigen Wohlbefindens werden, dass sie einen ruhigen und erquickenden Schlaf bewirken, die wesentlichste Vorbedingung zur Entwicklung eines kräftigen Nervensystems, dass sie durch beides das sicherste Abwehr- und Überwindungsmittel ererbter oder ansteckender Krankheitskeime bilden, dass sie vor Ausschweifungen der Phantasie und den damit zusammenhängenden Verirrungen bewahren, das alles ist schon so oft gesagt und geschrieben worden, dass man sich beinahe schämt, es zu wiederholen.

Besonders erstaunlich ist, dass diese Sportgruppen selbständig von Schülern geleitet wurden. In die Schulprogramme wurden nun Berichte der Schüler über die von ihnen geleiteten Gruppen aufgenommen. Großer Beliebtheit erfreute sich bald das Fußballspiel. Vier Schüler-Fußballriegen entstanden: in Papenburg-Untenende, in Papenburg-Obenende, in Aschendorf und in Weener. Die Untenender Gruppe, die sich bald „Germania“ nannte, spielte auf einer Wiese am Hampoel; die Obenender Mannschaft „Amisia“ auf einem Platz der Obenender Metallurgischen Fabrik von Dr. Savelsberg. Weitere Gruppen widmeten sich dem Schlagballspiel, der Leichtathletik, dem Radfahren und dem Wandern.

Außerdem entstand in diesen Jahren eine von Schülern geleitete „Literarische Abteilung“, die sich in freier Rede übte, Theaterstücke las und gelegentlich auch aufführte. In der Schule gab es Lesetische, dann sogar einen Lesesaal, in dem durch Zeitschriften und Bücher zum Lesen angeregt werden sollte. Von der Schule wurden zeitweilig oder ständig angeboten: wahlfreier Unterricht in Griechisch und Hebräisch, zweistündige biologische Schülerübungen für die Oberstufe und botanische Exkursionen für die Unterstufe, wahlfreier Unterricht in Stenographie, eine Arbeitsgemeinschaft für Linearzeichnen und eine für Kunstgeschichte; außerdem – nicht freiwillig – für Quartaner und Tertianer mit schlechter Handschrift wöchentlich eine Stunde Schreibunterricht.

Das ist für diese Zeit und für eine Schule mit etwa 250 Schülern und 12 Lehrern eine erstaunliche Vielfalt, und man kann sicherlich behaupten, dass die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zu den Glanzzeiten der Papenburger Schule gehören.

Der Erste Weltkrieg beeinflusste und veränderte die Schule zutiefst. Die zu Beginn des Krieges in Deutschland verbreitete Stimmung des nationalen Überschwangs spiegelte sich auch in den Schulereignissen wider. Die Aufsatzthemen bezogen sich großenteils auf die politische Situation und lauteten etwa: „Warum wird die Niederringung Englands für den Weltfrieden eine Wohlfahrt sein?“ oder „Unsere Empörung gegen England!“ Die ganze Oberprima (Klasse 13) sowie einige Unterprimaner (Klasse 12) und Obersekundaner (Klasse 11) meldeten sich als Kriegsfreiwillige. Die übrigen über 16 Jahre alten Schüler schlossen sich der Papenburger „Jugendwehr“ an, die sich die vormilitärische Ausbildung der Jungen zum Ziel gesetzt hatte. Die meisten Schüler beteiligten sich an der „Ländlichen Arbeitshülfe“, die in Notfällen bei der Ernte und der Ackerbestellung einsprang. Im Februar 1915 wurden die im Umlauf befindlichen Goldmünzen gesammelt und gegen Papiergeld eingetauscht. Auch die Realgymnasiasten beteiligten sich daran und brachten innerhalb eines Monats 20 100 Mark Goldgeld zusammen. Doch bald ging es um weniger Wertvolles. In den nächsten Jahren wurden die Schüler angehalten, Beeren, Heilkräuter, Knochen, Altpapier und Brennnesseln zu sammeln.

Da immer mehr Lehrkräfte zum Militär eingezogen wurden, drohte der Unterricht zeitweilig zusammenzubrechen. Es wurde erwogen, ganz auf die Oberstufe zu verzichten und so wieder zum alten Progymnasium zurückzukehren, aber man behalf sich doch mit Klassenkombinationen, Aushilfskräften und Unterrichtskürzungen. Im Winter musste wegen des fehlenden Heizmaterials der Unterricht mehrfach unterbrochen werden. Immer häufiger trafen im Verlauf des Krieges Todesnachrichten ein. Insgesamt fielen 72 Schüler und Lehrer im Verlaufe des Krieges. Als Dr. Nolte im Jahre 1916 gestorben war, blieb die Schule bis 1919 ohne Direktor, die Stelle sollte erst nach Ende des Krieges neu besetzt werden. Die Schule wurde solange provisorisch von den Professoren Schütte und Geers geleitet.

4.3 Schwierige Jahre

Das 50-jährige Jubiläum der Schule 1919 war noch sehr von den Nachwirkungen des Krieges überschattet. Die Schülerzahl war auf etwa 150 gesunken. Die Finanzmittel der Schule waren so eingeengt, dass die Schulprogramme nicht mehr gedruckt werden konnten. Bei den Berichten über die Wanderungen wird vermerkt, dass sie wegen der Verpflegungsschwierigkeiten nicht auf einen ganzen Tag ausgedehnt werden konnten. Die fortschreitende Geldentwertung hatte zur Folge, dass das Kapital der Stiftungen, die der Schule um die Jahrhundertwende für bedürftige Schüler vermacht worden waren, dahinschmolz. Das Schulgeld stieg an und betrug im Jahre 1922/23 infolge der Inflation 20 000 Mark.

1920 taucht zum ersten Mal in den Berichten der Begriff der Schülerselbstverwaltung auf. Doch heißt es schon 1922, das Interesse daran sei gänzlich geschwunden, ohne Anregung durch die Klassenlehrer geschehe nichts, Klassenversammlungen hätten nicht mehr stattgefunden; bald beschränkte sich die ganze Schülerselbstverwaltung auf Mithilfe bei der Pausenaufsicht und der Verwaltung der Lehrmittel.

Der vorübergehende wirtschaftliche Aufschwung in der Mitte des Jahrzehnts war auch in der Schule spürbar. Die Schülerzahl stieg auf etwa 200. Das Schulgebäude wurde renoviert, die lange geplante Direktorwohnung gebaut, und die Sammlungen und Bibliotheken wurden erweitert.

Seit 1922 durften nach einer Anordnung des Preußischen Unterrichtsministeriums auch Mädchen die bisherigen Jungenschulen besuchen, wenn keine gleichartige Schule am Ort war. Als dann aber zwei Mädchen am Papenburger Realgymnasium angemeldet wurden, gab es viele Schwierigkeiten zu überwinden. Offenbar herrschten die Befürchtungen vor, die Beziehungen zu den Jungen könnten allzu eng werden. So wurde ihnen zum Beispiel für die Pausen ein eigener Aufenthaltsbereich im vorderen Teil des Schulhofes zugewiesen. Doch die beiden Mädchen hielten trotz aller Widrigkeiten durch, und im Jahre 1926 bestanden sie ihr Abitur am Realgymnasium Papenburg. Eine der beiden, Elisabeth Specker, wurde dann später auch die erste Lehrerin an der Papenburger Schule.

Als Professor Bösken, der acht Jahre lang das Realgymnasium geleitet hatte, 1927 Direktor des Gymnasiums in Meppen wurde, folgte ihm 1928 Dr. Rudolf Diekmann als Schulleiter. Ihm fiel die Aufgabe zu, die Schule in den wirtschaftlich und politisch unerfreulichen Jahren um und nach 1930 zu leiten. Besonders setzte sich Dr. Diekmann für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus ein. Zum ersten Mal wurde ein allgemeiner Elternsprechtag abgehalten. Auch der Kontakt zu den ehemaligen Schülern wurde gesucht. Beim Abiturkommers 1929 wurde beschlossen, den „Verein ehemaliger Schüler Papenburgs“ zu gründen, dessen Ziele – trotz mancher Unterbrechungen – heute im „Verein der Ehemaligen, Freunde und Förderer des Gymnasiums Papenburg“ weitergeführt werden.

Doch die große Wirtschaftskrise seit 1929 zog auch in der Schule immer tiefere Spuren. Durch Notverordnungen wurde, um Lehrkräfte einzusparen, die Wochenstundenzahl der Gymnasiallehrer auf 25 erhöht. Außerdem wurde der Unterricht gekürzt. „Die Sparmaßnahmen brachten den geordneten Musikunterricht zum Erliegen“ (Jahresbericht 1929). Ebenso wurden der Sportunterricht und die Arbeitsgemeinschaften 1931 stark reduziert, und auch andere Fächer waren von Kürzungen betroffen.

Die Berufsaussichten der Absolventen der Schule waren denkbar schlecht. Ausbildungsstellen und Studienplätze waren knapp wie nie zuvor. So ist es kein Wunder, dass bei solchen Perspektiven die Zahl der Anmeldungen für das Realgymnasium wieder absank, zumal, wenn man bedenkt, dass die finanziellen Belastungen durch den Schulbesuch eines Kindes für viele Familien bei sinkendem Einkommen oder Arbeitslosigkeit unerträglich wurden. So musste man sich allen Ernstes die Frage stellen, ob und wie lange die Schule noch lebensfähig bleiben würde.

5. Die Staatliche Aufbauschule 1936 - 1957

5.1 Die Umwandlung der Schule

Etwa ein Jahr nach der Entlassung Dr. Diekmanns wurde im Herbst 1934 Dr. Rudolf Knoke Direktor des Realgymnasiums. Nach seinen eigenen Worten war ihm bedeutet worden, es werde sich für ihn in Papenburg wohl nur um eine vorübergehende Tätigkeit handeln, da man beabsichtige, die nicht mehr lebensfähige Papenburger Schule aufzulösen. Besondere Sympathien konnte eine Schule, die in ihrem Anstaltsstatut immer noch ihren katholischen Charakter herausstellte, bei der Partei und den Behörden in dieser Zeit auch nicht erwarten.

Nur noch 143 Schüler besuchten das Realgymnasium, und für die finanziellen Probleme der Schule zeichnete sich auch weiterhin keine Lösung ab. So schien das Schicksal der Schule besiegelt, als sich überraschend eine Möglichkeit der Rettung bot, die von allen Beteiligten, besonders aber von Dr. Knoke, mit aller Energie aufgegriffen wurde. Die Staatliche Aufbauschule in Osnabrück war ebenfalls in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Sie war bis dahin von einigen Landkreisen des Regierungsbezirks Osnabrück – auch dem Kreis Aschendorf – mitfinanziert worden. Nun aber sahen sich die Landkreise nicht mehr in der Lage, weiterhin ihren Zuschuss für eine weit entfernte Schule, die kaum von Kindern ihres Bereichs besucht wurde, zu zahlen. Die Regierung ihrerseits aber war nicht bereit, den Unterhalt der Schule ganz zu übernehmen, und beschloss, sie aufzugeben. Dieses Vorhaben der Regierung bedeutete nun aber überraschenderweise für die Papenburger Schule die Rettung, denn Dr. Knoke konnte die Preußische Unterrichtsverwaltung dafür gewinnen, das Papenburger Realgymnasium in eine Aufbauschule umzuwandeln und das bislang für die Osnabrücker Aufbauschule aufgewendete Geld nun für Papenburg zur Verfügung zu stellen.

Dr. Knoke sah aber in dieser Umwandlung nicht nur eine finanzielle Transaktion. Er war überzeugt, dass die Aufbauschule für die Stadt Papenburg und den Kreis Aschendorf die geeignete Schulform sei. Er schreibt dazu:

Die Unterhaltung des Hindenburg-Realgymnasiums, die der Stadt Papenburg obliegt, ist infolge der finanziellen Notlage der Stadt in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden. Der Grund hierfür liegt einerseits in einer völligen Wandlung der wirtschaftlichen Struktur der Stadt, durch die die Stadtverwaltung vor große neue finanzielle Aufgaben gestellt wurde. Andererseits sanken die Schulgeldeinnahmen der Stadt von Jahr zu Jahr, da der Lebensraum der Anstalt von den zahlreichen umliegenden Rektoratsschulen [Es handelt sich dabei um Vorläufer der heutigen Realschulen, d. Verf.] eingeengt wurde. Diese Verhältnisse machten eine grundlegende Änderung der höheren Schule notwendig. Sie musste auf eine breitere finanzielle Basis gestellt werden, dass der Bevölkerung des weiten, an Verkehrslinien armen Kreises der Besuch der höheren Schule in Papenburg erleichtert wurde. Das führte nach langen Verhandlungen zum Abschlusse eines Vertrages zwischen der Preußischen Unterrichtsverwaltung und der Stadtgemeinde Papenburg, durch den die Umwandlung des Realgymnasiums in eine Aufbauschule vereinbart wurde. Auf Grund des Erlasses des Herrn Ministers vom 17.3.1936 wurde die Umwandlung in eine Deutsche Oberschule in Aufbauform Ostern 1936 beschlossen [...] Das Realgymnasium wird somit klassenweise abgebaut und die Aufbauschule klassenweise aufgebaut.

Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Schulformen bestand darin, dass die Aufbauschule erst nach sechs Volksschuljahren mit Klasse 7 begann und in sieben Jahren zum Abitur führte. Die erste Fremdsprache, Englisch, begann in Klasse 7, die zweite Fremdsprache, Latein, in Klasse 8. Als die gymnasiale Schulzeit 1937 in Deutschland generell auf acht Jahre verkürzt wurde, traf das auch die Aufbauschule. Jetzt musste sie ihre Schüler in sechs Jahren zum Abitur führen.

Mit der Umwandlung des Schultyps wurde auch die Verstaatlichung der Schule zum l. April 1939 beschlossen, d. h. das Land Preußen übernahm alle Kosten der Schule – Sachkosten und Lehrergehälter –, erhielt aber auch die alleinige Aufsicht. Die Stadt Papenburg hatte von nun an keinerlei Einfluss mehr auf die Schule.

Schon 1872 hatte Brandi dem Magistrat der Stadt ohne Erfolg vorgeschlagen, die Schule zu verstaatlichen. Auch im Jahre 1915 hatte die Schulkommission der Stadt einen ähnlichen Antrag abgelehnt. Die Gründe werden im Protokollbuch der Kommission nicht ausdrücklich genannt, doch gibt es Hinweise, dass man den katholischen Charakter der Schule erhalten wollte. Nun aber stimmte die Stadt wegen ihrer finanziellen Situation der Verstaatlichung gerne zu.

5.2 Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Wie in alle Bereiche des öffentlichen Lebens drangen seit 1933 nationalsozialistische Ideen und Forderungen immer stärker auch in die Schule ein. Da die Schulakten aus dieser Zeit durch Kriegseinwirkungen großenteils verlorengegangen sind, lässt sich nur unvollständig über diese Zeit berichten. Die Jahresberichte für die Schulbehörde sind zwar erhalten, doch bestehen sie, soweit es politische Vorgänge angeht, zum großen Teil aus Vollzugsmeldungen irgendwelcher Anordnungen in allgemeinster Form. Die wirklichen Vorgänge lassen sich hinter diesen Formulierungen nur erahnen. Als die Tätigkeit der verschiedenen Schülergruppen im sportlichen und konfessionellen Bereich, über die vor 1933 ausführlich berichtet worden war, immer mehr behindert wurde, heißt es lapidar: „Die bisher vorhandenen Schülervereine wurden in ihrer Tätigkeit vereinfacht“. In Wirklichkeit mussten diese Gruppen aufgegeben werden, weil die Hitlerjugend die Monopolstellung in der Jugendarbeit beanspruchte. Häufig wiederholen sich auch stereotype Formulierungen. So heißt es in allen Jahresberichten von 1936 - 1945: „Sämtliche Schülerinnen und Schüler gehörten im Berichtsjahr der HJ (Hitlerjugend) an“, obgleich es in diesen Jahren Schüler gab, die sich nie um die HJ gekümmert, ja ihr nicht einmal formal angehört haben. Die Schule hat die Zugehörigkeit zur HJ zumindest während der Kriegsjahre auch nie überprüft.

1934 wurde Studienrat Theodor Keseling nach Papenburg strafversetzt. Er musste als ausgewiesener Gegner des Nationalsozialismus auf Grund des ominösen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zusammen mit drei anderen Gymnasiallehrern Duderstadt verlassen. Der nationalsozialistische Bürgermeister der Stadt Papenburg suchte die Versetzung Keselings nach Papenburg zu verhindern, indem er angab, man sehe die nationale Erziehung der Jugend durch diesen Lehrer gefährdet. Die Versetzung fand trotzdem statt. Im Jahresbericht werden diese Hintergründe nicht erwähnt. Die Versetzung Keselings wird lediglich wie die eines jeden anderen Lehrers mitgeteilt.

Die Papenburger Schule war sicher keine Hochburg des Nationalsozialismus, wenn auch einige Lehrer sich zur Partei und ihren Ideen bekannten. Nach den übereinstimmenden Berichten der Schüler dieser Zeit überwog bei den Lehrern die kritische Distanz zu den Lehren und Maßnahmen des NS-Staates, was bisweilen auch im Unterricht spürbar wurde. Es ist aber nicht bekannt, dass es Widerstand oder offene Ablehnung gegeben hätte, auch nicht, als am 9. November 1938 die Schüler von ihren Klassenräumen aus sehen konnten, wie die nahegelegene Synagoge in Flammen aufging. Andererseits ist kein Fall bekannt, dass Schüler aus politischen Gründen von der Schule verwiesen oder sonstwie drangsaliert wurden.

Im Übrigen liefen die Rituale des nationalsozialistischen Staates wie überall ab. Das Schuljahr begann und endete mit dem Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Schulhof und dem gemeinsamen Gesang des Deutschland- und Horst-Wessel-Liedes. In den Lehrerkonferenzen mussten nun Referate über die Ziele der nationalsozialistischen Erziehung gehalten werden, die Lehrer wurden zu politischen Schulungskursen einberufen, und die Schule wurde mit Hitler-Bildern überschwemmt. Statt des bisherigen Elternbeirates gab es nun die „Jugendwalter“, zu denen auch HJ-Führer und der Ortsgruppenleiter der NSDAP gehörten.

Als 1939 die von katholischen Ordensschwestern geleitete Ursulinenschule für Mädchen aus politischen Gründen von den nationalsozialistischen Behörden geschlossen wurde, ging ein großer Teil der Mädchen zur Aufbauschule über, und damit erhöhte sich der Anteil der Schülerinnen sprunghaft.

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Doch nun war anders als 1914 an der Schule nichts von Begeisterung zu spüren. Es heißt nur lakonisch im Jahresbericht, die Schule habe an den Ereignissen regen Anteil genommen. Wie 1914 wurden die wehrfähigen Lehrer zum Kriegsdienst einberufen, darunter auch der Direktor der Schule, Dr. Knoke. Stattdessen wurden pensionierte Lehrer reaktiviert, andere wurden über die Pensionsgrenze hinaus beschäftigt. Wieder wurde der Unterricht in fast allen Fächern gekürzt, Kunst- und Musikunterricht fanden gar nicht mehr statt, Sportunterricht erteilte ein Papenburger Handwerksmeister, der ein begeisterter Turner war. Die älteren Schüler wurden ebenfalls zur Wehrmacht einberufen. Die Abiturprüfungen wurden vorverlegt, oder die Schüler erhielten eine Bescheinigung, dass sie nach dem angekündigten „Endsieg“ auch ohne Abitur zum Studium zugelassen würden. Wie im Ersten Weltkrieg gab es wieder wegen des fehlenden Heizmaterials Kälteferien, und wie damals wurden die Schüler wieder zu Sammlungen jeder Art verpflichtet. Diese brachten jedoch mehr Probleme als erwartet:

Die Sammlung der Heilpflanzen unter Leitung der Studienrätin Specker wurde fortgesetzt. Leider konnte ein Teil des Sammelgutes aus 1942 infolge Verkehrsschwierigkeiten bei der Reichsbahn nicht zur Absendung gelangen und wird erst jetzt zum Transport gelangen. Die unter der Führung des Studienrats Hehenkamp stehende Sammlung an Knochen kam leider nicht in Fluß, weil die Knochen nicht abgeholt wurden [und auf dem Schulgelände einen üblen Geruch verbreiteten, d. Verf.]. Herr Studienrat Helming übernahm die Führung der Maßnahmen der Schule zur Schädlingsbekämpfung des Kreises Aschendorf, die in der Zeit vom 15.4. bis 15.6. stattfand. Es wurden 290 Spatzen abgeliefert, 16 Dohlen, 7 Elstern, 55 Spatzennester mit Gelege vernichtet, ebenso 14 Dohlennester und 49 Elsternnester. Die abliefernden Schüler erhielten für einen abgelieferten Spatzen je ein Pfund Hafer, für eine Dohle oder Elster 2 Pfund Hafer, für zerstörte Nester 2 Pfund bzw. 3 Pfund Hafer durch die Kreisbauernschaft. Insgesamt wurden dabei 635 Pfund Hafer ausgeteilt. Die Klasse 5J (heute Klasse 9), bestehend aus 32 Jungen war vom 18.8. bis 15.9. eingesetzt zur Sanddornbeerenernte in Norderney. (Jahresbericht 1942/43)

Den Kontakt zwischen den Schülern und Lehrern, die nun zum Kriegsdienst eingezogen waren, suchte Studienrat Helming zu halten. Er verschickte alle zwei Monate einen Rundbrief, in dem er mitteilte, was ihm über den Aufenthalt und das Schicksal der bisherigen Schüler bekanntgeworden war. Bald hatte er eine Art Nachrichtenzentrale aufgebaut, in der man Anschriften erfragte oder um die Weiterleitung von Nachrichten bat. Aus vielen Äußerungen der Ehemaligen, die damals als Soldaten im Krieg waren, geht hervor, dass sie diese mühevolle Arbeit sehr hoch eingeschätzt haben und sehr dankbar dafür gewesen sind.

Der Luftkrieg mit seinen immer häufigeren Angriffen machte es erforderlich, dass die Keller der Schule als Luftschutzräume hergerichtet wurden. Wurden sie zunächst auch nur selten in Anspruch genommen, so musste im Schuljahr 1943/44 bereits an 52 Schultagen der Unterricht wegen Fliegeralarms unterbrochen werden. Geregelter Unterricht war nur zwischen acht und zehn Uhr morgens zu erwarten, bisweilen begann der Unterricht wegen längeren Luftalarms in der Nacht aber auch erst um zehn Uhr. Eine mehrstündige Klassenarbeit konnte oft nur nach mehreren Anläufen ohne Störung zu Ende gebracht werden. So wurde der ohnehin stark eingeschränkte Unterricht noch weiter reduziert.

1943 wurden 13 Schüler der 6. Klasse (heute Klasse 10) als „Luftwaffenhelfer“ nach Herbrum eingezogen. Sie wurden dort an den Flakgeschützen eingesetzt, die die Schleuse gegen Luftangriffe schützen sollten. Zusätzlich wurden sie dort in ihren Unterkünften von den Lehrern ihrer Schule unterrichtet. Zunächst erschien der Einsatz wenig gefährlich, doch bei einem kurze Zeit später stattfindenden Luftangriff auf die Schleuse kamen mehrere der Luftwaffenhelfer ums Leben. Dennoch wurden in der Folgezeit weitere Schülergruppen bei der „Heimatflak“ eingesetzt. Diese etwa 15 Jahre alten Jungen mussten an drei Tagen der Woche bei der Flak an der Papenburger Seeschleuse Dienst tun, an den anderen drei Tagen besuchten sie die Schule.

Anfang 1945 musste das Schulgebäude am Hauptkanal geräumt werden; die Wehrmacht beanspruchte das Haus und machte es zum Reserve-Lazarett. Möbel, Bücher und Schulakten wurden auf dem geräumigen Boden verstaut. Der Unterricht fand noch einige Zeit provisorisch an verschiedenen Stellen des Untenendes im Amtsgericht, dem Konfirmandensaal der evangelischen Kirche, der früheren Ursulinenschule – statt, bis er mit Beginn der Osterferien 1945 völlig zum Erliegen kam.

5.3 Neuanfang nach 1945

Etwa ein halbes Jahr nach Kriegsende wurde am 15. Oktober 1945 der Unterricht unter sehr schwierigen Bedingungen wiederaufgenommen. Das Schulgebäude stand auch weiterhin der Schule nicht zur Verfügung. Es wurde nun von der UNRRA (United Nations Reconstruction and Rehabilitation Administration) in Anspruch genommen, einer Organisation, die die im Krieg verschleppten Menschen betreuen, vorläufig unterbringen und dann nach Hause zurückbringen sollte. Da in Papenburg auch viele Privathäuser von den Besatzungstruppen beschlagnahmt worden waren, war es schwierig, für den Unterricht geeignete Räume zu finden. Schließlich gelang es aber doch, an vier verschiedenen Stellen der Stadt Räume zu mieten:

  • im Amtsgericht am Hauptkanal,
  • in der alten evangelischen Schule an der Friederikenstraße (heute Heimatmuseum),
  • im Gemeindehaus der evangelischen Kirche,
  • in der Imkerschule, einer Baracke am Anfang des Graden Weges.

Nur mit Mühe konnte man notdürftig für diese Räume Stühle und Tische beschaffen. Wegen des Raummangels wurden die Klassen im Wechsel am Vormittag und Nachmittag unterrichtet. Die Lehrkräfte hatten zwischen den Unterrichtsstunden weite Wege zurückzulegen, um zu den Unterrichtsräumen zu gelangen. Deshalb wurde der Unterricht in Stundenblöcken zu 90 Minuten erteilt, dazwischen lagen 30 Minuten Pause. Diese Fußmärsche von 10 bis 15 km pro Tag belasteten die Lehrkräfte neben allen anderen Schwierigkeiten dieser Nachkriegsjahre zusätzlich. Unterricht fand zunächst fast nur in den Hauptfächern statt; die Fächer Geschichte, Erdkunde, Musik, Sport und Chemie konnten gar nicht erteilt werden. In den Unterrichtsräumen standen einfache Öfen, die mit Torf geheizt wurden, den die Eltern zur Verfügung gestellt hatten und der von den Schülern in Handwagen herangekarrt wurde. Diese Öfen gaben viel Rauch und wenig Wärme ab, so dass die Schüler und Lehrer, die Mäntel besaßen, sie während des Unterrichts nicht abzulegen brauchten. Trotz allem war das Amt des Ofenheizers bei den Schülern begehrt, konnte man sich doch so unangenehmen Fragen des Lehrers nach Hausaufgaben etc. entziehen. Schulbücher gab es zunächst nicht. Die Bücher aus der Nazizeit waren verständlicherweise verboten, neue wurden noch nicht wieder gedruckt. Selbst Schreibpapier war äußerst schwer zu beschaffen.

Der britische Miltärkommandant in Aschendorf untersagte in Herbst 1945 der Schule, weiterhin den Namen „Hindenburgschule“ zu führen; sie hieß seitdem wieder „Staatliche Oberschule für Jungen in Aufbauform“. Als der Unterricht im Herbst 1945 wiederaufgenommen wurde, besuchten 139 Jungen und 108 Mädchen in 11 Klassenverbänden die Schule. Dazu kamen noch die 19 Schülerinnen und 21 Schüler, die nach dem 1. Januar 1942 den sogenannten „Reifevermerk“ erhalten hatten. Sie mussten nun aber doch entgegen den Zusagen aus der Kriegszeit sechs Monate lang an einem „Übergangskurs“ teilnehmen und eine Prüfung ablegen, um die Berechtigung zum Universitätsstudium zu erlangen. Diese Prüfung war 1946 die erste Abschlussprüfung nach dem Krieg. Die erste eigentliche Abiturprüfung fand 1947 wieder statt.

Am 1. Juli 1947 wurde das Schulgebäude am Hauptkanal wieder freigegeben. Das Haus war in einem üblen Zustand. Es musste zunächst gründlich gesäubert und notdürftig hergerichtet werden. Die Reinigung übernahmen die Lehrkräfte zusammen mit den Schülerinnen und Schülern selbst. Die notwendigsten Reparaturen wurden von einigen Handwerkern erledigt. Das Mobiliar und die Lehrmittel, die 1945 auf den Boden gebracht worden waren, konnten nicht mehr benutzt werden. Sie waren überwiegend zerstört oder unbrauchbar nur die Lehrerbücherei konnte zum großen Teil gerettet werden. Doch bald konnte der Unterricht auf bunt zusammengewürfeltem Mobiliar wieder in der alten Schule beginnen. Da die Schulbehörde auch einige weitere Lehrkräfte einstellte, wurden nun wieder alle Fächer unterrichtet.

Die Zahl der auswärtigen Schüler nahm immer mehr zu. Weil die Verkehrsverhältnisse immer noch sehr schlecht waren, plante man die Einrichtung eines Schülerheims, in dem weiter entfernt wohnende Schüler und Flüchtlingskinder untergebracht werden sollten. Es gelang, für diesen Zweck einige Räume in der ehemaligen Königlichen Navigationsschule am Gasthauskanal anzumieten. Das Bistum Osnabrück erklärte sich bereit, die Trägerschaft zu übernehmen. Nach dem erforderlichen Umbau konnte das Heim am 01.06.1948 eröffnet werden, und bald hatte es Platz für 35 Schüler.

1948 wurde die Aufteilung der Klassen nach Geschlechtern aufgegeben. Zum ersten Mal wurde ab Klasse 10 nach Interesse und Wahl der Schüler ein sprachlicher und ein mathematisch-naturwissenschaftlicher Zweig eingerichtet.

Nach der Währungsreform 1948 und der Gründung der Bundesrepublik 1949 normalisierte sich das Schulleben immer mehr. Es fanden wieder Klassenfahrten statt, das Schülerrudern begann wieder, Arbeitsgemeinschaften wurden wieder angeboten. Erstmalig kam nun auch ein Schüleraustausch mit einer englischen Schule zustande. Fünf Schülerinnen der High School for Girls aus Sutton-Coldfield besuchten 1950 für einige Zeit die Papenburger Schule. Doch die erste dauerhafte Schulpartnerschaft mit einer ausländischen Schule entstand erst viel später. Als im September 1967 das Gymnasium Papenburg in Verbindung mit der Königlichen Botschaft der Niederlande in Bonn eine „Begegnung mit den Niederlanden“ veranstaltete und in dieser Woche neben anderen Niederländischen Schulen auch die „Rijksscholengemeenschap Ter Apel“ zu Sportwettkämpfen und einem Schülertreffen einlud, entstand daraus eine seitdem andauernde Partnerschaft mit dieser Schule.

Im Jahre 1953 wurde die gymnasiale Schulzeit wieder auf 13 Jahre verlängert; das bedeutete auch für die Aufbauschule die Wiederherstellung des alten Zustandes, also eine Verlängerung auf sieben Jahre. Da zudem die Zahl der Anmeldungen immer mehr anstieg – im Jahre 1953 waren es 77 Anmeldungen für Klasse 7 –, hatte die Schule wieder mit dem leidigen Raumproblem zu kämpfen. Zunächst hatte man sich mit Wanderklassen und Unterrichtskürzungen beholfen, doch nun war auch diese Möglichkeit erschöpft. So erwarb die Schule eine Baracke, die früher im Konzentrationslager Esterwegen gestanden hatte, und stellte sie als Provisorium auf dem Schulhof auf. Nach einigen Umbauten bot sie – nun Gartenhaus genannt – vier Klassen Platz.

6. Gymnasium Papenburg

6.1 Neue Schulform und neues Schulgebäude

1954 änderten sich durch das Niedersächsische Schulverwaltungsgesetz die rechtlichen Bedingungen für alle Schulen des Landes. Nun wurden alle Lehrer Landesbeamte, die Kommunen wurden als Schulträger für die sächlichen Kosten der Schulen zuständig. Für die Papenburger Aufbauschule erhob sich damit die Frage, ob die Trägerschaft wieder an die Stadt Papenburg fallen sollte. Doch weil die finanzielle Situation der Stadt immer noch problematisch war und weil der größere Teil der Schüler nicht mehr aus Papenburg, sondern den übrigen Orten des Landkreises Aschendorf-Hümmling kam, wurde die Trägerschaft dem Landkreis übertragen. In seiner Nachfolge ist heute der Landkreis Emsland Schulträger des Gymnasiums Papenburg.

Durch das 1956 folgende Niedersächsische Schulgesetz erhielten alle höheren Schulen die Bezeichnung Gymnasium; durch Zusätze wurden die Schulen genauer charakterisiert. So führte die bisherige Aufbauschule ab 1957 den Namen „Gymnasium Papenburg – Neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Kurzform“. Doch schon ein Jahr später wurde zum ersten Mal seit den Zeiten des alten Realgymnasiums wieder eine Klasse 5 eingerichtet. Die Verkehrsverhältnisse hatten sich durch die Einführung von Schülerbussen wesentlich gebessert und damit die Schulwegbelastungen deutlich verringert. Deshalb wollten viele Eltern ihre Kinder jetzt schon nach vier Grundschuljahren zum Gymnasium schicken, wie das in den meisten anderen Städten und Regionen üblich war. Einige Jahre bestanden beide Schulformen in Papenburg nebeneinander, und die Schule führte nun den voluminösen Untertitel „Neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Lang- und Kurzform“. Weil aber die Anmeldungen für die Kurzform ab Klasse 7 immer mehr abnahmen, wurde ab 1962 keine Anfangsklasse dieses Zweiges mehr eingerichtet.

Das rasche Anwachsen der Schülerzahl auf etwa 400 erforderte gründliche Baumaßnahmen. Es zeigte sich, dass das bisherige Schulgebäude am Hauptkanal sich nicht ausreichend erweitern ließ. Deshalb erwarb der neue Schulträger, der Landkreis Aschendorf-Hümmling, ein Gelände an der Russellstraße und schrieb einen Wettbewerb für einen Schulneubau aus, an dem sich 39 Architekten beteiligten. Der erste Preis wurde 1956 dem gemeinsamen Entwurf von Diplomingenieur Heinz Richter aus Münster, einem ehemaligen Schüler der alten Aufbauschule, und dem Architekten Mecklenburg aus Papenburg zuerkannt. Nach deren Plänen wurde dann mit dem Neubau begonnen und im November 1957 der Grundstein des heutigen Schulgebäudes an der Russellstraße gelegt. Eingemauert wurden eine Urkunde, ein Lehrer- und ein Schülerverzeichnis. Die Urkunde hat folgenden Wortlaut:

Das Gymnasium Papenburg, gegründet am 25. Oktober 1869 als Städtische Höhere Bürgerschule, umgestaltet am 31. März 1882 zum Realprogymnasium, ausgebaut Ostern 1910 zum Realgymnasium, umgewandelt am 1. April 1936 in eine Aufbauschule, unterhalten während sieben Jahrzehnten von dem Opfersinn der Papenburger Bürgerschaft, übereignet am 1. April 1939 dem preußischen Staat und 1945 dem Lande Niedersachsen, wurde am 1. April 1954 vom Landkreis Aschendorf Hümmling in Betreuung und Obhut übernommen und am 1. April 1957 in ein Neusprachliches und Mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium in Lang- und Kurzform erweitert. Ursprünglich eine Schule mit dem Blick zum Hauptkanal, bestimmt für die Ausbildung des seemännischen Nachwuchses der Handels- und Schifferstadt Papenburg, im Laufe der Jahrzehnte entwickelt zu einer weit über die Stadtgrenzen hinausgreifenden Bildungsanstalt des ganzen Landkreises Aschendorf Hümmling, soll das Gymnasium an dieser Stelle eine neue Stätte finden und seine Aufgabe erfüllen als Bildungszentrum der heranwachsenden Jugend, als kultureller Mittelpunkt des Landkreises, als Hüter des abendländischen-christlichen Kulturguts und als Pflegestätte der Liebe zur Heimat.

Dieser Grundstein wurde gelegt am 21. November im Jahre des Herrn 1957.

Sanders, Landrat

Dr. Fischer, Oberkreisdirektor

Dr. Knoke, Oberstudiendirektor

Am 23. Oktober 1959 war es dann endlich soweit – der Umzug in den Neubau an der Russellstraße fand statt. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler transportierten selbst das Mobiliar und die Schuleinrichtung vom Hauptkanal in das neue Gebäude. Alle freuten sich über die großen, hellen Räume. Es gab keine Wanderklassen mehr, jede Klasse hatte ihren eigenen Klassenraum. Für die meisten Fächer waren die Fachräume bereits fertiggestellt; in den nächsten Jahren folgten der Bau der Aula (1961), der Turmhalle (1962) und des Kunsttrakts (1965). Das schöne und großzügige Schulgebäude schien das Raumproblem der Papenburger Schule endgültig gelöst zu haben, und niemand hätte sich bei der Einweihung 1959 vorstellen können, dass schon zehn Jahre später wieder die ersten Baracken als Notklassenräume auf dem Schulhof stehen würden.

6.2 Lehrermangel

Als Dr. Rudolf Knoke im Jahre 1966 nach 32 Jahren als Schulleiter die Schule seinem Nachfolger Dr. Martin Mühmelt übergab, zeichnete sich bereits ein neues schwerwiegendes Problem ab – der Lehrermangel. Einerseits nahm überall die Schülerzahl der Gymnasien rapide zu, andererseits ging die Zahl der Lehramtskandidaten zurück. Schulen in ländlichen Gebieten wie das Papenburger Gymnasium litten erheblich mehr unter dem Lehrermangel als Großstadtschulen. Der neue Schulleiter musste einen erheblichen Teil seiner Arbeit investieren, um junge Lehrer für Papenburg zu gewinnen oder auf andere Weise die Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Mit finanzieller Unterstützung des Schulträgers wurden ganze Studienseminare eingeladen, die Papenburger Schule zu besuchen und sich zu überzeugen, dass sich auch im Emsland leben und unterrichten ließ. Tatsächlich gelang es auf diese Weise auch, einige junge Assessoren für Papenburg zu gewinnen. Darüber hinaus wurden Lehrer anderer Schularten angeworben, mit einigen Stunden oder ganz an das Gymnasium zu kommen. Schließlich wurden bestimmte Fächer in einigen Klassen auch von Studenten oder Angehörigen anderer Berufe (Architekten, Richter) erteilt. Der Elternrat verfasste Resolutionen an das Kultusministerium, der Kreistag schaltete sich ein und forderte dringend Lehrkräfte für das Gymnasium. Dennoch wurde der Unterrichtsausfall immer größer und betrug Ende der sechziger Jahre mehr als 20 Prozent des Unterrichtssolls.

6.3 Erste Reformen der Oberstufe

Die gymnasiale Oberstufe wurde bereits vor der grundlegenden Reform von 1976 schrittweise verändert. 1962 wurden für die Klassen 12 und 13 Wahlpflichtfächer eingeführt, um die Zahl der Unterrichtsfächer in den beiden letzten Schuljahren zu reduzieren und um andere dafür intensiver betreiben zu können. So wählten die Schüler des neusprachlichen Zuges zwischen den Fächern Chemie, Physik und Biologie, die des mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges zwischen den Fächern Chemie, Biologie oder Englisch. Außerdem war eines der beiden Fächer Musik oder Kunst zu wählen. Doch wegen des Lehrermangels war in vielen Jahren keine echte Wahl möglich, da nur die Fächer zur Wahl gestellt werden konnten, für die Lehrer zur Verfügung standen.

1965 wurde zum ersten Mal eine Klasse für Realschulabsolventen eingerichtet, die nach eigenen Lehrplänen in drei Jahren auf das Abitur vorbereitet wurden. Dieser Zweig sollte die Durchlässigkeit zwischen den Schularten verbessern und setzte in gewisser Weise die Tradition der alten Aufbauschule fort, die ja auch gerade den Jugendlichen, die sich erst spät für den Besuch des Gymnasiums entschieden, eine Chance geben wollte. Diesen Weg zu gehen, verlangte den betreffenden Schülerinnen und Schülern viel Einsatz ab. Doch bis zur Einführung der allgemeinen Oberstufenreform 1976 hat es in allen Schuljahren an der Schule diese Klassen für Realschulabsolventen gegeben.

Im Jahre 1968 wurden für die Fächer Deutsch, Gemeinschaftskunde und Religion am Gymnasium Papenburg Pflichtwahlkurse eingeführt, d. h. in diesen Fächern wurde – wie ab 1976 in allen Fächern – der Klassenverband aufgegeben, und die Schüler konnten und mussten einen der angebotenen Kurse dieses Faches wählen.

6.4 Jubiläum und Unruhen

1969 feierte die Schule ihr hundertjähriges Bestehen. Einer der glanzvollen Höhepunkte war die Aufführung großer Teile der „Carmina Burana“ von Carl Orff.

Aber während der Jubiläumstage kam es auch zu einem ersten Höhepunkt der Schülerproteste, die ausgehend von den 68er-Unruhen an den Universitäten und den Großstadtgymnasien nun auch auf Papenburg übergriffen. Bereits ein Jahr zuvor waren auf Flugblättern, einer beliebten Protestform dieser Jahre, Reformen der Schule, vor allem ein größeres Mitspracherecht der Schüler, gefordert worden. Das Rauchverbot in der Schule wurde bekämpft, Mitsprache der Schüler bei der Unterrichtsplanung und Zensurengebung gefordert und die Schulordnung, z. B. die Anordnung, in den Pausen die Schule verlassen zu müssen, als antiquiert abgelehnt. Es wurde daraufhin ein „Schlichtungsausschuss“ aus Lehrer- und Schülervertretern gebildet, der Streitigkeiten bei der Zensurengebung oder in Disziplinarangelegenheiten gütlich beilegen sollte. Außerdem wurde ein „Gemeinsamer Ausschuss“ gebildet, in dem Lehrer-, Schüler- und Elternvertreter gemeinsam mit dem Schulleiter anstehende Probleme erörtern und Vorschläge für die Gesamtkonferenz erarbeiten sollten. Beide Einrichtungen konnten jedoch den grundsätzlichen, oft politisch motivierten Protest mancher Schüler und ihrer Vertreter gegen die Schule nicht ausräumen.

So kam es während der Jubiläumsfeiern zu einer neuen Flugblattaktion einer zunächst anonymen Schülergruppe, in der die Schule und einige ihrer Lehrer scharf angegriffen wurden. „Der Schlichtungsausschuß hatte mit der Flugblattaffäre seinen ersten Fall zu bearbeiten,“ so der Schulleiter in seinem Jahresbericht, „doch die Schwierigkeiten und das Gewicht des Falles zeigten die Grenzen des Schlichtungsverfahrens sehr deutlich. Der Gemeinsame Ausschuß erhielt den Auftrag, eine Schulordnung auszuarbeiten, kam jedoch nicht zu einem Ergebnis.“

Die Auseinandersetzungen zwischen den Schülervertretern und einem Teil der Oberstufenschüler einerseits und der Schulleitung und vielen Lehrern andererseits dauerten in der folgenden Zeit an oder flammten immer wieder auf, so dass es mehrere Jahre lang nicht mehr möglich schien, gemeinsame Schulfeiern zu planen oder gemeinsam Feste zu feiern. Auch die bis dahin üblichen, von den Klassen 11 mit großem Einsatz vorbereiteten Oberstufenfeste oder gemeinsame Abiturfeiern fanden nicht mehr statt. Die Abiturienten holten sich ihre Zeugnisse gegen Quittung im Sekretariat ab. Erst in der Mitte der siebziger Jahre begann das Schulklima sich wieder zu verändern, und es entstanden durch Kursfeten, Schulfeste, Abigags, Abifeten etc. auch neue Formen, gemeinsam in der Schule zu feiern.

 

Der vorliegende Bericht ist eine Neubearbeitung der in der Festschrift „100 Jahre Gymnasium Papenburg“ erschienenen Beiträge: F. Guhe, Aus der Geschichte der Papenburger höheren Schulen 1969 - 1945 und G. Thiel, Gymnasium Papenburg 1945 - 1969. Durch freundliche Vermittlung von P. Thoben, Aschendorf, konnten für die Zeit von 1860 - 1871 einige Akten aus dem Staatsarchiv Osnabrück (Reg. 703 Nr. 268) herangezogen werden. Im übrigen wurden die Programme, Jahresberichte und Akten der Schule benutzt.

Hingewiesen sei auf frühere Darstellungen der Schulgeschichte:
Th. Erdmann, Die Gründung der Schule, in: Programm der höheren Bürgerschule Papenburg 1874.
G. Overholthaus, Rückblick auf die 25-jährige Geschichte der Anstalt, in: Programm des Realprogymnasiums 1894.
J. Schütte, Das Städtische Realgymnasium zu Papenburg, in: Festschrift zum 50-jährigen Jubelfeste am 25. Oktober 1919.
R. Knoke, Aus der Geschichte des Gymnasiums, in: 50 Jahre Abitur am Gymnasium Papenburg, 1959.

Die nächsten 25 Jahre (1969 - 1994)

Von Bernhard Schaub

7. Abschied von der „Mannschaft der ersten Stunde“

Die Zeitspanne von 25 Jahren ist erfahrungsgemäß hinreichend für einen historischen Rückblick. Der Zeitraum reicht aus, um sich am Beispiel der Geschichte einer Schule, die ja Teil, Spiegelbild der Gesellschaft ist, den gesellschaftlichen Wandel im letzten Vierteljahrhundert bewußtzumachen. Zufällig wird im Jubiläumsjahr aber auch besonders die Tatsache sichtbar, daß alles Leben vom Kommen und Gehen bestimmt ist: So ist im Laufe dieses Jahres die Verjüngung der Schulleitung abgeschlossen, und die meisten der sogenannten „alten“ Kollegen, fast alle schon in der „Ära Knoke“ aktiv, sind mittlerweile in den verdienten Ruhestand getreten:

  • Herr OStR Dr. Thiel (1970),
  • Herr OStR Lindemann (1976),
  • Herr OStR Hees (1974/ 1980),
  • Herr OStR Hilling (1977),
  • Herr OStR Möring (1983),
  • Frau OStR‘ Schmitz (1989),
  • Herr StD Nelke (1990),
  • Frau StD‘ von Schemde (1992),
  • Herr RL Claus (1992),
  • Herr OStR Schmitz (1992),
  • Herr StD Gertken (1993),
  • Herr OStR Welzel (1993),
  • Herr OStR Metje (1993),
  • Herr StD Guhe (1993).

Der Einsatz all dieser Kolleginnen und Kollegen der „ersten Stunde“ und auch der der noch aktiven „2. Generation“ für das Gymnasium Papenburg in der Zeit des extremen Lehrermangels (1965 bis frühe 80er Jahre) ist nicht hoch genug einzuschätzen. Sie alle waren nach Papenburg gekommen und – wichtiger noch – sind geblieben, beteiligten sich nicht an der verbreiteten Abwanderung und bildeten den für einen geregelten Schulbetrieb so notwendigen festen Stamm des Kollegiums heraus. In den beiden Jahren 1971 und 1972 z. B. verzeichnet die Schulstatistik acht Abgänge bei den Studienräten: darunter sieben Versetzungen in größere Städte, etwa Hannover und Osnabrück.

8. Vom alarmierenden Lehrermangel zur 100%igen Unterrichtsversorgun

Betrachtet man ein Reifezeugnis, das 1969 am Gymnasium Papenburg erworben wurde, so wird in keiner Weise sichtbar, unter welchem Lehrermangel diese Schule zum damaligen Zeitpunkt gelitten hat. Denn auf dem Zeugnis sind im Abschnitt I. Noten für neun Fächer vermerkt: für Religion, Deutsch, Gemeinschaftkunde, für die erste und zweite Pflichtfremdsprache (Englisch, Latein), für Mathematik, für das Wahlpflichtfach (Biologie), das musische Fach (Kunst) und das Fach Leibesübungen. Und es wurden noch – wie dem Abschnitt II. zu entnehmen ist – eine dritte („Wahlsprache“ Französisch) und vierte Fremdsprache (Arbeitsgemeinschaft Altgriechisch) unterrichtet. Bis auf eine Ausnahme sind alle Fächer von vollausgebildeten Lehrern erteilt worden. Offenbar war die Schulleitung strategisch bemüht, wenigstens die wichtigen letzten Klassen ausreichend mit Unterricht zu versorgen. Berichte von Abiturienten aus dieser Zeit bestätigen diese Annahme: Von auffällig starkem Unterrichtsausfall in der Mittelstufe ist da die Rede. Andernfalls wären auch die in den „Mitteilungen“ des Gymnasiums überlieferten Nachrichten über verzweifelte Bemühungen von seiten der Elternschaft zur Minderung des Lehrermangels nicht nachvollziehbar. So reisten die Elternvertreter regelmäßig nach Meppen und Leer, um dort an den Seminaren Studienreferendare für das Gymnasium Papenburg zu werben. Den Ernst der damaligen Lage soll ein Brief der Elternvertretung des Gymnasiums Papenburg vom Sommer 1970 an den Kultusminister dokumentieren:

Bei Ihrem Besuch im ostfriesischen Leer haben Sie die katastrophalen Zustände an den Gymnasien des ländlichen Westniedersachsens von der tief beunruhigten Bevölkerung, besonders der Elternschaft, demonstriert bekommen. Am Gymnasium der Nachbarstadt Papenburg sind die Verhältnisse nicht besser, sondern ebenso alarmierend. Nur etwa die Hälfte des obligatorischen Unterrichts kann durch vollausgebildete Fachkräfte erteilt werden, 25 % des Bedarfs werden durch Aushilfskräfte aus verschiedenen Berufen gedeckt. Ein Fünftel des Unterrichts fällt z. Z. aus. Der Ausfall betrifft vorwiegend die naturwissenschaftlichen Fächer: 5 Klassen der Mittelstufe haben keinen Mathematikunterricht, 6 Klassen keinen Physikunterricht, 4 Klassen keinen Chemieunterricht. Auch die musischen Fächer sind unterbesetzt.

Um dem Lehrermangel wirksam zu begegnen, forderten die Eltern – man kann sich dies in der heutigen Situation gar nicht mehr vorstellen – eine bessere Bezahlung, „eine spürbar hohe Landzulage“ für die „im weniger anziehenden ländlichen Raum eingesetzten Gymnasiallehrer“. Der Kultusminister versprach in seinem Antwortschreiben – übrigens ein Jahr später –, „die überaus krassen Formen des Lehrermangels gerade in dem landschaftlich so reizvollen Landkreis Aschendorf-Hümmling zu mildern“ und „für das Emsland zu werben“.

Zu Beginn des Schuljahres 1971/72 konnte Direktor Dr. Mühmelt auch relativ zufrieden vermelden, daß „in Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde, Englisch, Französisch, Latein und Mathematik der Pflichtunterricht voll erteilt werden konnte“, um am Ende des Schuljahres – die obenerwähnte Abwanderung von Lehrern läßt es ahnen – feststellen zu müssen, daß „durch Weggang und Krankheit von Lehrkräften ein geordneter Unterrichtsbetrieb kaum zu gewährleisten“ war. Selbst die durch die Einführung der Orientierungsstufe erzwungene Abtrennung der 5. und 6. Klasse vom Gymnasium im Jahre 1979 bewirkte keinen deutlichen Abbau des Unterrichtsfehls; er unterschritt mit 18 % aber immerhin erstmals die 20 %-Marke. Damals besuchten noch 1082 Schüler das Gymnasium Papenburg. Richtig entspannt hatte sich die Lage erst 1980/81; das Unterrichtsfehl betrug etwas weniger als 10 %. Seit 1992 ist Lehrermangel am Gymnasium Papenburg Vergangenheit, die (rechnerische) Unterrichtsversorgung liegt knapp über 100 %. 1990 war der Tiefststand der Schülerzahl erreicht: 755; in den letzten beiden Jahren, 1992 und 1993, besuchten ziemlich konstant 765 Schüler das Gymnasium Papenburg.

9. Bedeutende Veränderungen durch die Reformen in den 70er Jahren

Von epochaler Bedeutung für das Gymnasium als Schulform waren zwei Reformen der 70er Jahre: zum einen die Entscheidung der Kultusministerkonferenz (1972) zur Einführung der reformierten Oberstufe, zum anderen die Entscheidung der niedersächsischen Landesregierung (1973) zur Schaffung der Orientierungsstufe, d. h. die Abtrennung der 5. und 6. Klasse vom Gymnasium. Diesen Entscheidungen ging eine jahrelange bundesweite bildungspolitische Debatte über Ziel und Inhalt gymnasialer Bildung voraus, an die zunächst erinnert sei, um das Reformwerk besser einschätzen zu können.

9.1 Die unterschiedlichen Reformvorstellungen

Seit 1965 etwa wurden objektive Sachverhalte wie Lehrermangel, zu niedrige Abiturientenzahlen im Vergleich mit dem Ausland, Schulraummangel und Defizite in den Lehrplänen durch Schlagworte wie „Bildungsnotstand“ und „Bildungkatastrophe“ vehement ins Bewußtsein der Öffentlichkeit getragen, mit der Folge, daß Bildungsfragen ins Zentrum der Politik rückten. Bildungspolitik wurde vorübergehend Chefsache in den Parteien. Trotz tiefgreifender Differenzen in den bildungs- und gesellschaftspolitischen Ansätzen – für die Sozialdemokraten stand die Durchsetzung der Chancengleichheit, für die Christdemokraten die Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens an erster Stelle – waren sich die beiden politischen Lager um 1970 darin einig, daß das bestehende Bildungswesen den Anforderungen der Zukunft nicht gerecht werden könne. Es sollte eine „Reform an Haupt und Gliedern“ geben. Im Prinzip unkontrovers waren folgende Reformpunkte: Beseitigung des Lehrermangels, Ausbau von Einrichtungen vorschulischer Erziehung (Ziel: Senkung des Einschulungsalters), Beseitigung der Zulassungsbeschränkungen an den Hochschulen, Aus- und Neubau von Hochschulen und die volle Integration von Berufs- und Weiterbildung. Umstritten und schwierig war die Reform der Oberstufe, von der hier die Rede ist, aus dem Grunde, daß hier Reformer mit unterschiedlichen Zielsetzungen in bezug auf das Gymnasium: Verbesserer und Veränderer, und verschiedene Politikertypen: Pragmatiker, Bürokraten und Ideologen quer durch alle Parteirichtungen auf einen Nenner zu bringen waren. Denn es wurde eine bundeseinheitliche Lösung, eine partnerschaftliche Lösung aller Bundesländer angestrebt.

Angeführt seien nur einige der kaum zu vereinbarenden Ansprüche, die in die Reform der Oberstufe einfließen sollten: Einerseits galt es, das demokratische Recht auf Bildung des einzelnen ernstzunehmen und das Gymnasium für breitere Schichten zu öffnen, andererseits sollte das Abitur die Studierfähigkeit gewährleisten, die Leistungsansprüche sollten also nicht zurückgenommen, sondern eher noch erhöht werden. Einerseits wollte man – von der Vorstellung einer allgemeinen Autoritätskrise ausgehend – der Autonomie und Eigenverantwortlichkeit des einzelnen Schülers Vorrang vor der „altmodischen“ Erziehung geben, andererseits wurde die Verantwortung der Schule gegenüber dem Heranwachsenden gesehen, ihn begabungsgerecht zu fördern und ihm die nötige Allgemeinbildung zu vermitteln. Einerseits sollten der an bildungsbürgerlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts orientierte Fächerkanon des Gymnasiums voll aufgebrochen und Fachrichtungen, die auf eine nicht-akademische Berufsausbildung vorbereiten, eingefügt werden, andererseits sollte sich das Gymnasium an universitären Bildungsgängen und Arbeitsformen (Gruppenarbeit, Facharbeit) orientieren, sich für neue (Universitäts-)Fächer, z. B. Jura, Medizin, Philosophie, Ökonomie, Technik, öffnen und fächerübergreifenden Projektunterricht möglich machen.

9.2 Die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe

Ergebnis des Ringens um die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe waren detailliert ausgearbeitete Festlegungen der Kultusminister vom 7. Juli 1972, deren Alltagstauglichkeit anschließend noch an einzelnen Gymnasien erprobt wurde. Die Informationsbroschüre dazu umfaßte 85 Seiten! An dieser Stelle sollen nur die Grundzüge dieser Reform skizziert werden, und zwar mit dem Ziel, dem Leser einen Eindruck von dem Grad und Charakter der Modernisierung der gymnasialen Oberstufe zu vermitteln. Am Gymnasium Papenburg wurde diese Reform 1976 eingeführt.

Zunächst zum Zugang zur gymnasialen Oberstufe: Entsprechend dem Prinzip der Durchlässigkeit wurde die 11. Klasse für Nichtgymnasiasten geöffnet. Der Abschluß der Realschule, der Berufsaufbauschule oder der zweijährigen Berufsfachschule gewährleistete von nun an auch den Eintritt in die gymnasiale Oberstufe. Der Unterricht in der 11. Klasse erfolgt in den meisten Fächern noch im Klassenverband, einige Fächer werden aber schon als Kursunterricht angeboten. Der Zweck der Vorstufe ist, den Übergang in das vollentwickelte Kurssystem so geschmeidig wie möglich zu machen und die Schüler dazu zu befähigen, ihre individuellen Fachschwerpunkte zu finden und eine durchdachte Wahl der Kurse und Abwahl von bestimmten Fächern vornehmen zu können. In munterer Erinnerung ist bestimmt allen beteiligten ehemaligen Elftkläßlern das Knipsen mit der Spezialzange in Lochkarten, ein Verfahren, das mit dem Weggang von Herrn StD Gertken und dem Einzug von Computern sein Ende gefunden hat. Außerdem war vereinbart worden, daß in der 11. Klasse auch Projektunterricht stattzufinden hat und ein Berufspraktikum durchgeführt werden muß. Am Gymnasium Papenburg wurde 1981 die Projektwoche eingeführt und 1988 das Betriebspraktikum.

Zum vollentwickelten Kurssystem der Oberstufe: Im 12. und 13. Schuljahrgang existiert nicht mehr das traditionelle System der festen Haupt- und Nebenfächer. Jeder Schüler kann sich, soweit der Stundenplan es zuläßt, im Rahmen von bestimmten inhaltlichen Vorgaben ein persönliches Fächerprofil, im Kern sind das die Abiturprüfungsfächer, zusammenstel- len. Man unterscheidet Leistungs- und Grundkurse. Alle Fächer können prinzipiell Leistungsfach sein, d. h. Fächer mit fünfstündigem Wochenunterricht, die im besonderen Maße der Studienvorbereitung dienen sollen. Am Gymnasium Papenburg waren bisher die Fächer Sport, Musik, Kunst und Religion davon ausgenommen. Leistungsfächer sind die individuellen Hauptfächer des Schülers. Hier hat der Schüler nicht mehr wie in seinen anderen Fächern die Möglichkeit, am Ende von zwei Semestern den Kurslehrer zu wechseln – eine Einschränkung, die die nachträgliche Abiturprüfungsordnung erzwang. Die übrigen Kurse sind die sogenannten Grundkurse, die zwei- oder dreistündig in der Woche unterrichtet werden. Auch wenn sie, was das Gewicht der Noten für das Abschlußzeugnis angeht, nicht die Bedeutung der Leistungskurse haben, so entsprechen die Grundkurse nicht den alten Nebenfächern. Denn in den Grundkursen ist die gleiche Zahl an schriftlichen Arbeiten zu schreiben wie in den Leistungskursen.

9.3 Forderungen des neuen Systems an die Lehrkräfte

Das neue System verlangte besonders von Lehrkräften, die ausschließlich in den „alten“ Nebenfächern unterrichteten und es nicht gewohnt waren, umfangreiche Klausuren zu erstellen, eine erhebliche Umstellung. Und Mehrarbeit kam auf alle Kollegen zu. Denn in den Kursen wird zwar Stoff unterrichtet, der den bisherigen Fächern zugeordnet ist, die einzelnen Kollegen sind aber gehalten, individuelle thematische Schwerpunkte zu setzen, so daß über die Wahl der Person des Lehrers hinaus den Schülern auch gewisse inhaltliche Alternativen geboten werden. Ein Ergebnis der Reform war, daß die Fachkollegen ihre Planung koordinieren mußten, ihre Kurse in Fachkonferenzen detailliert vorstellten und so aufeinander abstimmten, daß für die Schüler ein späterer Kurswechsel innerhalb der jeweiligen Fächer in doppelter Hinsicht unproblematisch war: Die Gefahr der Themenwiederholung war auszuschließen, ein sinnvoller viersemestriger Lehrgang war zu gewährleisten. Im Laufe der Jahre hat sich dieses System eingespielt, und das Themenangebot innerhalb der verschiedenen Fächer ist vielfach auch etwas einheitlicher geworden, in manchen Fällen unbeabsichtigt als Folge von gewissen Erstarrungstendenzen, in der Regel aber gewollt zur Sicherstellung einer systematischen fachlichen Grundausbildung.

9.4 Die neue Verantwortung der Oberstufenschüler

Auch von den Schülern verlangte die Oberstufenreform neues Denken. Sie mußten lernen, eigenverantwortlich ihren Weg in der Oberstufe zu gehen. Das fängt mit der Wahl der Leistungs- und Prüfungskurse, den vier Abiturprüfungsfächern, an und endet bei der Überlegung eines eventuellen freiwilligen Zurückgehens. Da eine Versetzung nicht mehr existiert, muß der betreffende Schüler sich selbst ausrechnen, ob er nach zwei oder drei Semestern überhaupt noch die Chance hat, sämtliche Auflagen für die Zulassung zum Abitur zu schaffen; das betrifft die Zahl der Mindestbelegung von Kursen und bestimmte Mindestpunktzahlen der anzuæchnenden Grund- und Leistungskurse. Mit der Wahl seiner Leistungsfächer kann der Abiturient sein Abiturzeugnis erheblich beeinflussen, da er selbst bestimmen kann, welche Fächer besonderes Gewicht beim Zustandekommen der Gesamtnote spielen sollen. Der Schüler kann auch anders als früher, als diese Notentransparenz noch nicht gegeben war, jederzeit seinen künftigen Leistungsstand errechnen, und dem Prüfling ist vor dem Abitur – auf Grund seiner Vorzensuren – voll ersichtlich, welche Leistung er erbringen muß, um eine bestimmte Endnote zu erreichen.

9.5 Das neue Abiturzeugnis

Diese Abiturnote, die sogenannte Gesamtqualifikation, mit der die allgemeine Hochschulreife bescheinigt wird, setzt sich aus der jeweiligen Gesamtpunktzahl in den sogenannten drei Blöcken zusammen. Der erste Block umfaßt 20 – seit 1991: 22 – Grundkurse, die sogenannten Pflichtkurse, die eine gewisse Allgemeinbildung gewährleisten sollen. Der zweite Block besteht im Kern aus den Zensuren für die Leistungskurse, der dritte Block aus der Abiturprüfung. Jeder Abiturient wird schriftlich in den beiden Leistungsfächern und im 3. Prüfungsfach und ohne Ausnahme mündlich im 4. Prüfungsfach geprüft. Alle in die Gesamtqualifikation einfließenden Einzelergebnisse sind auf dem Zeugnisformular festgehalten.

9.6 Die Umsetzung des Reformwerks am Gymnasium Papenburg

All diese Bestimmungen für die reformierte Oberstufe sind ungeheuer detailliert, enthalten zudem eine Vielzahl von Sonderregelungen, etwa für Schüler aus der ehemaligen DDR, und sind ständig überarbeitet worden. Da für die Schüler immer die Rechtsvorschriften gelten, die zur Zeit ihres Eintritts in das Kurssystem gültig waren, war es keine Seltenheit, daß für Abiturienten, die die Prüfung wiederholten, andere Auflagen galten als für die übrigen Abiturienten. Es kam vereinzelt auch vor, daß in einem Abiturjahrgang drei verschiedene Rechtsvorschriften nebeneinander zur Anwendung kamen. Für diese Materie besitzt jedes Gymnasium natürlich Spezialisten. Am Gymnasium Papenburg zählte Herr StD Guhe dazu. Er bekam 1975 den Auftrag zur Einführung der reformierten Oberstufe an dieser Schule und führte bis zu seinem Ausscheiden 1993 insgesamt 15 Abiturjahrgänge nach den neuen Regeln zum Abschluß. Mit erstaunlicher Souveränität das komplizierte Paragraphenwerk meisternd, sorgte er durch seine menschliche Haltung stets für ein konfliktfreies Umsetzen der mitunter arg bürokratischen Bestimmungen. Dafür gewann er die Anerkennung von Kollegen und Schülern. Bei seiner Verabschiedung im Juni 1993 wurde ihm, der zwischenzeitlich, 1975/76, das Gymnasium kommissarisch geleitet hatte, von allen Seiten Dank für seine 37-jährige wertvolle Tätigkeit am Gymnasium Papenburg ausgesprochen.

So grundlegend die Veränderung der Oberstufe im Jahre 1976 auch war, so waren einzelne Maßnahmen doch nicht ganz neu, gab es in der Vorphase des Reformwerks schon etliche Teilreformen. Der erste Einstieg ins Kurssystem begann schon im Jahre 1968, wie im Artikel über die „ersten hundert Jahre“ berichtet. Und die Offenlegung der Vorzensur beim Abitur war schon 1970 eingeführt worden, zum gleichen Zeitpunkt wie die Regelung, daß 18-jährige Schüler ihr Fehlen selbst entschuldigen können. Bekannt ist, daß diese neue Vorschrift vom damaligen Kollegium mit besonderer Skepsis aufgenommen wurde. Über den langen Zeitraum von der Einführung dieser Maßnahme bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt betrachtet, kann festgestellt werden, daß sich die große Mehrheit der volljährigen Schüler verantwortungsbewußt verhalten hat, daß jedoch zu Beginn der 90er Jahre am Gymnasium Papenburg die Notbremse gezogen werden mußte. Die Liste für die Nachschreibklausuren nahm eine enorme Länge an, was darauf schließen ließ, daß viele Schüler sich Vorteile davon versprachen, wenn sie der regulären Klausur fernblieben. Der Konferenzbeschluß, daß eine einfache Entschuldigung beim Versäumen einer Klausur grundsätzlich nicht mehr genügt und ein ärztliches Attest vorzulegen ist, beendete den Mißbrauch.

9.7 Die Einführung der Orientierungsstufe

Auch die Einführung der Orientierungsstufe war keine Idee der großen Reformbewegung zu Beginn der 70er Jahre. Denn schon in einem „Rahmenplan des Deutschen Bildungsausschusses“ aus dem Jahre 1959 wurde an die Möglichkeit gedacht, für alle Schüler der 5. und 6. Jahrgangsstufe eine „Förder- und Beobachtungsstufe“ einzurichten, um einer „zu frühen Festlegung des Bildungswegs“ aus dem Wege zu gehen. Allerdings dachte man damals weder an eine Ausgliederung der beiden Jahrgangsstufen noch an die Etablierung einer eigenständigen Stufenschule, wie in Niedersachsen durch die Schulgesetznovelle von 1973 geschehen. Für das Jahr 1975 angekündigt, erfolgte die Einführung der Orientierungsstufe in Papenburg im Jahre 1979. Das Gymnasium Papenburg wurde damals nicht nur um etwa 200 Schüler ärmer, sondern es verlor auch die Aufgabe, Schüler, die sich in einer besonders aufnahmefähigen Lebensphase befinden, an das gymnasiale Lernen heranzuführen. Die Möglichkeit für Gymnasiallehrer, wenige Stunden – in der Regel sind es fünf Stunden – an der Orientierungsstufe zu unterrichten, kann diesen Nachteil nur begrenzt vermindern. An dieser Stelle sei das Engagement von Kollegen gewürdigt, die die Bürde auf sich nahmen und nehmen, an zwei Schulen tätig zu sein und auch an einer Orientierungsstufe Unterricht zu erteilen.

10. Bestrebungen der Schülerschaft

Aus der Sicht der betroffenen Lehrerschaft waren die späten 60er und frühen 70er Jahre lebendige, aber auch mitunter unerfreuliche Jahre, was den Schulfrieden angeht. Die antiautoritär fühlende Schuljugend suchte und fand in der Schule den idealen Gegenpol. Gefordert waren in erster Linie die Lehrer bei ihrer täglichen Arbeit – ihre Vorbildfunktion wurde angezweifelt, ihre Weisungsrechte wurden angegriffen –, dabei erlebte auch die Institution Gymnasium Papenburg geschichtliche Momente: Da gab es den erklärten Willen der Abiturienten des Jahrgangs 1970 gegen jedwede feierliche Entlassung; schweren Herzens, aber auch von kühler Vernunft geleitet – denn solche Feste waren damals Ziel von Störaktionen –, entschieden sich Schulleitung und Kollegium, erstmals diese Schulfeier ausfallen zu lassen.

Da gab es die leidenschaftliche Diskussion um den Sinn der Zensuren, um Verfahren der Notengebung – man erinnere sich an den Kampfslogan: „Brecht die Kompetenzen der Zeugniskonferenzen!“. Zur Besprechung der Notenproblematik wurde eigens eine „Arbeitsgruppe“ von je drei Vertretern des Kollegiums, der Elternschaft und der SMV eingerichtet; in dem Ergebnispapier vom Sommer 1972 steht zu einer besonders strittigen Frage: „Keine Einigung wurde erzielt über eine paritätisch besetzte Einigungsstelle zur Schlichtung strittiger Zensierungsprobleme.“ Diese Forderung nach einer „Entmachtung“ der Lehrer wurde übrigens im Herbst 1972 bei dem zweitägigen – illegalen – Streik der Schüler der Klassen 10 bis 13 wiederholt. In dieses Bild paßt, daß im nächsten Jahr, 1973, erstmals ein Schülersprecher „kollektiv“ gewählt wurde. Diese Einrichtung – zunächst aus ideologischen Motiven heraus geboren – erwies sich in den 80er Jahren als praktisch und hilfreich, da sich oft gar nicht mehr Einzelkandidaten für das Amt des Schülersprechers fanden.

Längst hatte sich das Verhältnis der Schüler zu den Lehrern und zur Schule wieder normalisiert. Als Beispiel für den Wandel im Selbstverständnis der Schülerschaft sei an die Initiative der SV von 1978 erinnert, das Schuljahr mit einem Schulfest zu krönen. Über viele Jahre – bis heute – ist diese Schulveranstaltung ein sehr großer Erfolg. Keinen Erfolg hatte die SV mit einem Vorstoß vor einigen Jahren: Man wünschte einen Namen für die eigene Schule, das vermeintlich namenlose Gymnasium, dachte an die Namen „Carl-von-Ossietzky-Gymnasium“ , „Ernst- Heilmann-Gymnasium oder – ganz unpolitisch – „Fehngymnasium“; starke Kräfte in den entscheidenden Gremien wollten keine Änderung: Es blieb beim Namen „Gymnasium Papenburg“.

11. Herausragende außerunterrichtliche Aktivitäten und Initiativen

Durch Aktivitäten, die außerhalb des normalen Schulbetriebs stattfinden, gibt die Schule den beteiligten Schülern besondere Befriedigung. Die vielen durchgeführten Arbeitsgemeinschaften, Projektkurse, Projekttage, Klassen- und Studienfahrten können aus Platzgründen keine Erwähnung finden. Selbst die Veranstaltungen mit einer besonderen Außenwirkung, die vielen gelungenen Musikdarbietungen von Schulorchester und (neuerdings Gospel-)Chor, die Teilnahme an auswärtigen Wettkämpfen, die Ausrichtung jährlicher Sportturniere mit anderen Schulen, können an dieser Stelle nicht im einzelnen gewürdigt werden. Erinnert sei nur an einige der vielen beeindruckenden Aufführungen der Theater-AG: „Der eingebildete Kranke“ (1981), „Der gestiefelte Kater“ (1986), „Die Panne“ (1989), „Die Katze auf dem heißen Blech“ (1993) sowie an bemerkenswerte Hilfsaktionen wie die Sammlung zur Polenhilfe (1982), zur Rußlandhilfe (1992) und die Hilfsaktion für Litauen (1993), die über das Sammeln hinausging, denn die engagierte Gruppe brachte ihre Hilfe persönlich zu den Empfängern nach Vilnius.

Intensive Kontakte der Schule zu unserem Nachbarn Niederlande bestehen schon seit 1967, als das Gymnasium in Verbindung mit der Botschaft der Niederlande in Bonn eine „Begegnung mit den Niederlanden“ veranstaltete. Die zweimaligen jährlichen Treffen von Schülern und Kollegen des Gymnasiums Papenburg mit den Freunden der niederländischen Partnerschule, der Rijksschoolengemeenschap in Ter Apel, sind eine altbewährte Einrichtung. Durch den beiderseitigen Willen zur Festigung der Freundschaft hat die Beziehung zwischen den beiden Schulen über die vielen Jahre hinweg ihren lebendigen Charakter bewahrt. Bei größeren festlichen Veranstaltungen der Schule sind die niederländischen Freunde stets einbezogen. So waren sie 1981 selbstverständlich Teilnehmer am anläßlich der 350-Jahr-Feier der Stadt Papenburg ins Leben gerufenen Volleyballturnier und fehlten auch nicht beim großen Treffen mit Schülern aus allen Partnerschulen beim „Internationalen Tag“ am 18. März 1994. Die weiteren Gäste kamen aus den Partnerschulen in England und Frankreich. Mit dem College Edouard Grimaux in Rochefort existiert seit 1985 eine herzliche Freundschaft; alljährlich treffen sich seitdem Mittelstufenschüler zweimal, abwechselnd in Papenburg und Rochefort, für jeweils zwei Wochen im Jahr. Einen ähnlichen Austausch gibt es seit 1990 mit zwei englischen Schulen: in Jahren mit gerader Jahreszahl mit der Manor School in York, im jeweils dazwischenliegenden Jahr mit der Ryedale School in Nawton bei York. Mit besonderer Genugtuung erfüllt die Schule die Tatsache, daß der Kontakt zum Collège Edouard Grimaux sich über die Schulen hinaus ausdehnte. Die Partnerschaft zwischen den Gemeinden Rochefort und Papenburg ist ohne die Initiative der beiden Schulen nicht denkbar, sie nahm hier ihren Ausgangspunkt.

Dank der Auslandskontakte einzelner Papenburger Eltern besuchten auch regelmäßig Gastschüler – u. a. aus Argentinien, Australien, Kanada, Kolumbien, Mexiko, Polen, Südafrika, den USA – das Gymnasium Papenburg. Erinnert sei auch an die eindrucksvollen Begegnungen mit Abiturienten der Abiturjahrgänge 1935 und 1944/46 im Sommer 1985, als auch ein Schuljubiläum, nämlich „75 Jahre Abitur am Gymnasium Papenburg“, gefeiert wurde.

12. Umwege bei der Überwindung der Raumnot

Die Geschichte des Gymnasiums Papenburg wäre unvollständig beschrieben, überginge man die wichtigen, durch das Anschwellen der Schülerzahlen erzwungenen baulichen Veränderungen im vorgegebenen Zeitraum. Beim Einzug in das Gebäude an der Russellstraße im Jahre 1959 besuchten 450 Schüler das Gymnasium, zehn Jahre später 670. Die Raumnot wurde so groß, daß damals, 1969, über einen Erweiterungsbau der Schule nachgedacht wurde. Doch den Schulbauvorstellungen dieser Zeit entsprechend verlangten vor allem die zuständigen Stellen in Hannover, dieser Erweiterungsbau müsse ebenso wie das bisherige Gymnasium in ein geplantes Schulzentrum für 2500 bis 3000 Schüler einbezogen werden, das Hauptschule, Realschule, Gymnasium umfassen sollte. Ein Teil der Räume, wie die naturwissenschaftlichen Fachräume oder die Räume für Kunst, Werken und Musik, sollte in Fachbereiche gegliedert und ebenso wie der Freizeitbereich von allen Schulen gemeinsam benutzt werden. Bis zur Fertigstellung dieses Schulzentrums sollten sogenannte „Mobilbauklassen“ das Raumproblem mindern. Zunächst wurde nur ein Holzbau mit vier Klassenräumen neben der Schule aufgestellt. 160 bzw. 186 Neuanmeldungen in den nächsten beiden Jahren zwangen zu Beginn der Schuljahre 1971/72 und 1972/73 zur Errichtung von insgesamt zwölf provisorischen Klassenräumen. 1977 schließlich, als man mit mehreren Klassen ins Schulzentrum einziehen konnte, stellte sich das Raumproblem auf alte, aber auch auf neue Weise: Die Schülerzahl am Gymnasium wuchs auf über 1100 Schüler an, die Baracken mußten stehen bleiben; und durch das enge, undifferenzierte Nebeneinander von verschiedenen Schulformen wurde, wie befürchtet, das Problem des unpersönlichen, pädagogisch problematischen Mammutsystems „Schulzentrum“ virulent. Ein unidentifizierbares und identitätsloses Gemisch aus Gymnasium, Realschule und Orientierungsstufe, eine Schule ohne Profil, die keiner wollte, war im Entstehen. In den „Mitteilungen“ vom August 1977 mahnte OStD Adams deshalb auch deutlich eine unverzügliche Entflechtung des Schulzentrums und einen Ausbau des Gymnasiums an. Mit Erfolg. Denn der Schulträger, mittlerweile der neugebildete Landkreis Emsland, leitete im nächsten Jahr – die Schülerzahl am Gymnasium war inzwischen noch weiter angestiegen auf den endgültigen Höchststand von 1200 – den Neubau eines naturwissenschaftlichen Traktes ein. Er sollte hinter dem Kerngebäude des Gymnasiums errichtet werden und im Obergeschoß die naturwissenschaftlichen Räume und im Erdgeschoß die Musikräume, das Sprachlabor, drei Bibliotheken (Schülerbücherei, Oberstufenbücherei und Lehrerbibliothek) und das Büro der Schulassistentin aufnehmen. Aber selbst nach dem Einzug in diesen modernen Trakt im Sommer 1980 konnte auf die „Mobilbauklassen“ noch nicht verzichtet werden. Diese wurden erst 1985 entfernt, als die Verlängerung der beiden Altbautrakte, der Anbau von jeweils vier Unterrichtsräumen, beschlossen worden war. Mit der Fertigstellung dieser Erweiterung des Altbaus ein Jahr später, mit der Sanierung des Flachdaches und der Erneuerung der Fassade des Kerngebäudes – 1980 war schon die große Turnhalle an der Kleiststraße hinzugekommen – waren die großen Baumaßnahmen der 80er Jahre im Schulviertel, für die der Landkreis als Schulträger mehrere Millionen DM ausgegeben hat, abgeschlossen. Für die Schüler des Gymnasiums Papenburg bedeutete dies das Ende der räumlichen Beengung und der unbefriedigenden Ausgliederung von Klassen.

13. Schulleitung und Kollegium 1994

Verantwortung für das Haus trugen in dieser wechselvollen Zeit zwei Direktoren: OStD Dr. Mühmelt, der knapp 10 Jahre lang bis 1975 in einer Zeit des Umbruchs das Gymnasium leitete und mit neuartigen Herausforderungen in der unruhigen Vorphase der großen Oberstufenreform konfrontiert war und die Einführung erster Teilreformen organisierte; OStD Adams, der sich seit 18 Jahren für das Gymnasium einsetzt, am Ende der 70er Jahre und besonders in den 80er Jahren den Ausbau des Gymnasiums gestalten konnte und zuletzt, in den frühen 90er Jahren, mit dem fast vollständigen Revirement des Schulleitungsgremiums, dem Ausscheiden der „Mannschaft der ersten Stunde“, konfrontiert wurde. Mit Herrn StD Boestfleisch (seit 1980 in der Schulleitung), Herrn StD Paul (seit 1991), Frau StD‘ Koch (seit 1993), Herrn OStR Simbeck (seit Ende 1993 Stellvertreter des Direktors) und Herrn OStR Lamkemeyer (seit 1994) ist die Führungsmannschaft wieder komplett. Und obwohl in letzter Zeit – wie zu Beginn des Artikels angeführt – viele ältere Kollegen das Gymnasium verlassen haben, verbleibt dem Gymnasium Papenburg ein erfahrenes Kollegium, ein Kollegium mit einem „gesunden“ Generationenmix: Den größten Anteil – knapp 50 % – stellen die Lehrkräfte, die zwischen 1974 und 1984 mit der Unterrichtsarbeit begonnen haben, der Anteil der älteren und der jüngeren Kolleginnen und Kollegen hält sich die Waage, er liegt bei jeweils etwa 25 Prozent.

 

Material: „Mitteilungen des Gymnasiums Papenburg“ von 1970 bis 1994.

Die 25 Jahre von 1994 bis 2019

Von Josef Simbeck | 30.03.2019

14. Der Übergang

Die letzten 25 Jahre waren eine Zeit, in der einschneidende Reformen und Veränderungen die Schule und das Schulleben allgemein in vielen Bereichen verändert haben. Waren es neben der tiefgreifenden Oberstufenreform eher strukturelle Probleme wie Lehrermangel und Raumnot gewesen, die gelöst werden mussten, so waren die folgenden 25 Jahre deutlich geprägt von der Veränderung im generellen Verständnis von Schule und Bildung. Langsam, aber mit zunehmender Dynamik veränderte sich der Blick auf das Schulwesen insgesamt und den Unterricht im Speziellen.

Zuerst jedoch sah sich das Team der verjüngten Schulleitung zusammen mit dem Kollegium durch die Organisation der Jubiläumsfeierlichkeiten 1994 gefordert. Ziel war es, das Gymnasium Papenburg als originäre höhere Bildungsanstalt in Papenburg im Bewusstsein der Bürger präsent zu machen, was wohl auch gelungen ist. Mit einem erweiterten Schulfest direkt am Hauptkanal präsentierte sich die Schule in ihren vielfältigen Möglichkeiten der Öffentlichkeit mitten in der Stadt. Dazu kam eine Reihe von öffentlichen Vorträgen aus den verschiedensten Themenbereichen, gestaltet von ehemaligen Schülern und verteilt über das ganze Jubiläumsjahr. Mit der konzertanten Aufführung von Händels Messias durch einen Projektchor aus Eltern, Schülern und Lehrern unter der Leitung von Musiklehrerin Lydia Benninger-Bredohl, mit einer Festschrift und einer eigens herausgegebenen Jubiläumszeitung brachte sich die Schule erfolgreich ins Bewusstsein der Papenburger Öffentlichkeit. Dazu kamen natürlich schulinterne Feierlichkeiten wie ein Festakt, die Projektwoche und die Fahrt der ganzen Schule nach Hamburg.

15. Seminarschule und Referendarausbildung

Als absoluter Glücksgriff entpuppte sich das Bestreben des Schulleiters, Herrn OStD Paul Adams, die Ausbildung von Referendaren am Gymnasium Papenburg zu etablieren. Dabei legte es die geographische Lage nahe, sowohl mit dem Studienseminar Meppen als auch mit dem Studienseminar Leer Kontakt aufzunehmen. Glücklicherweise herrschte durch die steigende Zahl von Referendariatsanwärtern an beiden Studienseminaren ein Bedarf an Ausbildungsschulen, so dass als Novum überhaupt eine Zusammenarbeit mit gleich zwei Studienseminaren verabredet wurde. Im Herbst 1996 traten dann erstmals drei Studienreferendarinnen und Studienreferendare ihren Dienst am Gymnasium Papenburg an. Für das Kollegium war es sicherlich ungewohnt, dass jetzt plötzlich „Gäste“ am eigenen Unterricht teilnahmen, aber die Betreuung und Ausbildung der Referendare belebte und förderte die Auseinandersetzung mit dem eigenen Fachunterricht so sehr, dass diese Neuerung sehr bald von allen als positiv und oft auch als entlastend empfunden wurde.

Die Kooperation mit den beiden Studienseminaren stellte sich in zweierlei Hinsicht als äußerst gewinnbringend heraus: Zum einen wurden die betreuenden Kolleginnen und Kollegen immer auf dem aktuellen Stand gehalten über neueste Entwicklungen in Pädagogik, Methodik und Fachdidaktik, zum anderen hatte die Schule bei der Neueinstellung von Lehrern immer Zugriff auf eine Auswahl bewährter Referendinnen und Referendare, die man zum Teil sogar selbst ausgebildet hatte. Dies bot einen nicht zu unterschätzenden Vorteil bei der Formung eines hoch qualifizierten Kollegiums und eines starken Zusammengehörigkeitsgefühls. Bis heute hat sich die Kooperation mit den beiden Studienseminaren ständig intensiviert: In Spitzenzeiten befanden sich bis zu 16 Referendarinnen und Referendare gleichzeitig zur Ausbildung am Gymnasium Papenburg.

Und etliche Kolleginnen und Kollegen übernahmen im Laufe der Jahre verantwortliche Stellen an den Studienseminaren: Herr StD Marten Hagen und Herr OStR Patrick Haak als Fachleiter für Geschichte bzw. Physik am Studienseminar Leer, am Studienseminar Meppen Herr StD Jörn Peters als Fachleiter für Chemie, Herr StD Peter Emmler als Fachleiter für Biologie und Herr StD Edmund Kronabel als Fachleiter für Mathematik. Glücklicherweise blieben all diese Kompetenzen der Schule erhalten, da diese Kollegen immer noch, wenn auch mit reduzierter Stundenzahl, an ihrer Stammschule unterrichten. Zusätzlich sind immer wieder Kolleginnen oder Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen für längere Zeit als Mitwirker an den Studienseminaren tätig. In Verbindung mit der Einführung des Zentralabiturs 2005/06 führte diese vorhandene Fachkompetenz auch dazu, dass mit Herrn StD Jörn Peters und Herrn StD Peter Emmler Kollegen vom Gymnasium Papenburg in die Abiturkommission des Landes Niedersachsen berufen wurden.

16. Die Digitalisierung in der Schule

Eine zweite, große Veränderung des Schulalltags bewirkte der Einzug der Digitalisierung in die Schule, ein dynamischer Prozess, der bis heute einer starken Veränderung und Weiterentwicklung unterliegt und eine ständige Herausforderung für Lehrer, Schüler, Verwaltung und Schulträger bildet.

Es begann bereits 1987, als OStR Michael Zeuke (ab 2006 Stellvertreter und dann Schulleiter am Gymnasium Damme) im Rahmen einer Informatik-AG zwölf Rechner in einem extra geschaffenen Informatikraum in Betrieb nahm. Wenn sich die Nutzung der PCs auch auf ein paar Begeisterte unter Schülern und Lehrern beschränkte, so rückten doch die Möglichkeiten der Computertechnik, auch wenn sie damals noch in den Kinderschuhen steckte, langsam ins Bewusstsein zahlreicher Kollegen. Nach ersten Erfahrungen mit der Nutzung von PCs bei der Stundenplanerstellung begann 1995 Herr StD Josef Simbeck, erst vor kurzem in die Schulleitung aufgerückt, dann mit Versuchen, die Computertechnik für den Schulalltag und den Unterricht nutzbar zu machen. Es war ihm gelungen, 30 Rechner und Bildschirme als Spende einer Firma für die Schule zu organisieren.

Da der Schulträger noch keinen Blick für solche Innovationen hatte, wurden in Zusammenarbeit mit begeisterten Kollegen in Wochenendarbeit zuerst einmal die Oberstufenräume verkabelt. Microsoft hatte gerade die Möglichkeit geschaffen, einzelne PCs zu vernetzen und damit erstmalig Daten zentral zu verwalten und zu nutzen. Das Ergebnis war allerdings weniger zufriedenstellend, da zum einen die Verkabelung sehr einfach war (Schüler spielten den Lehrern öfter mal einen Streich, indem sie heimlich die Steckkopplungen zwischen einzelnen Kabelsträngen lösten, was eine hektische und aufwändige Suche nach dem Grund des Netzwerkausfalls auslöste), zum anderen die Möglichkeiten der Software noch in den Anfängen steckten. Hilfe schien sich in industriellem Knowhow zu bieten, da an Softwarelösungen für Schulen damals noch niemand dachte.

1997 wurde ein leistungsfähiger Rechner zum Server umfunktioniert und auf Novell-Basis, einer bereits bewährten Netzwerkstruktur aus der Wirtschaft, ein Datenserver für alle angeschlossenen Rechner installiert. Es funktionierte nicht schlecht, war auf Dauer jedoch zu teuer und viel zu komplex in der Handhabung und Wartung für IT-technische Laien aus der Schule. Hilfe kam nun vom Schulträger, der ebenfalls zu der Überzeugung gelangt war, dass die Informationstechnik unbedingt in den Schulalltag einzubringen sei.

1999 wurde ein umfangreiches Investitionsprogramm im Kreistag beschlossen, ab dem Jahr 2000 wurden alle kreiseigenen Schulen mit einer modernen Netzwerkverkabelung (z. T. Lichtwellenleiter) ausgestattet, ab 2001 dann die Terminalserverlösung NetMan, eigens für Unterrichtszwecke an den Schulen und Universitäten entwickelt, an allen kreiseigenen Schulen eingeführt. Leistungsfähige Server wurden installiert, ein PC-Unterrichtsraum mit (sehr einfacher) Internetanbindung wurde eingerichtet, 40 neue Rechner wurden angeschafft. Sehr positiv war zuerst einmal auch, dass Installation und Wartung nun in Händen einer Hosting-Firma lagen. Die ersten Jahre wurde das System auch begeistert angenommen, doch nach einiger Zeit erwies es sich als zu unflexibel und ebenfalls zu komplex in der Wartung. Monatlich kamen neue Unterrichtsprogramme auf den Markt, die Hardwareanforderungen entwickelten sich rasant weiter, die Kolleginnen und Kollegen wollten auf dem neuesten Stand arbeiten.

Auch die Verwaltung, in der bereits im Jahr 2000 die Schülerdatenverwaltung mit dem System IBIS digitalisiert worden war und die immer noch an einzelnen Rechnern arbeitete, sollte effektiver vernetzt werden. Das vorhandene Netzwerksystem, das von Göttingen aus administriert wurde, erwies sich zunehmend als zu träge und unflexibel, so dass sich die Schulleitung unter Federführung von StD Josef Simbeck nach einer besseren Lösung umsah. 2006 dann wurde man fündig mit dem System logoDIDACT, das nicht nur günstig in der Anschaffung war (der Schulträger hielt weiterhin am eingeführten und von ihm finanzierten System fest), sondern auch in Eigenarbeit installiert werden konnte und in der Administration so überschaubar war, dass das System jederzeit, einfach und schnell veränderten Bedürfnissen des Unterrichts und der Verwaltung angepasst werden konnte. Beide Systeme, IBIS und logoDIDACT, erwiesen sich als Erfolgsmodelle, die bis heute bei ständiger Anpassung und Erweiterung die Basis für alle IT-Anwendungen in der Schule bilden.

Zum Glück zeigte sich auch der Landkreis Emsland als Schulträger einsichtig und unterstützte das Gymnasium Papenburg in der Folgezeit bei seinen Vorhaben sehr großzügig finanziell. Denn mit den Innovationen, die an der Schule umgesetzt wurden, war das Gymnasium Papenburg der allgemeinen Entwicklung im Schulbereich immer mehr als eine Nasenlänge voraus. Ohne die finanzielle Unterstützung des Landkreises wäre dies nicht möglich gewesen.

Mit der Erneuerung der Hardware und dem Ausbau des Netzwerkes änderten sich aber auch die Anforderungen. Zug für Zug wurde die IT-Technologie mehr in das Unterrichtsgeschehen eingebaut. Bis 2009 wurden sämtlich Unterrichtsräume an das Netzwerk angeschlossen und mit PCs ausgestattet. Das ehemalige Hausmeisterbüro am Haupteingang war inzwischen zum Serverraum umgestaltet worden, das Sprachlabor, das schon seit geraumer Zeit im Dornröschenschlaf lag, wurde als zweiter PC-Unterrichtsraum ausgebaut. In den Jahren danach wurde der allgemeine Internetzugriff schrittweise optimiert, sämtliche Unterrichtsräume wurden mit Beamern, dann mit interaktiven Boards und Dokumentenkameras ausgestattet, die gesamte Schule wurde mit WLAN ausgeleuchtet. Mit diesen grundsätzlichen Installationen ist das Gymnasium Papenburg schon jetzt für eine Zukunft gerüstet, in der Schülerinnen und Schüler mit ihren privaten digitalen Endgeräten im Unterricht arbeiten werden (Bring your own device (BYOD)).

Lediglich die Internetzugänge sind noch weiter ausbaubar. Bei Aufbau und der Wartung der IT-Ausstattung war es eine große Hilfe, dass das Gymnasium Papenburg seit 2004 immer wieder auf die Unterstützung von Netzwerkassistenten zugreifen konnte, die durch die Agentur für Arbeit vermittelt wurden. Mehrere von ihnen konnten in der Folge in eine feste Bechäftigung vermittelt werden.

Ein weiterer Schritt nach vorne wurde gemacht mit der Erprobung von Tablets für den Unterricht. Ab Dezember 2014 wurde die Schule für ein Projekt ausgewählt, in dem Schülerinnen und Schüler der Lateinleistungskurse aus dem 11. und 12. Jahrgang acht Wochen lang tabletgestützten, papierlosen Unterricht testeten. Das Ergebnis war nur zum Teil überzeugend. Großer Begeisterung und Motivation zusammen mit sehr positiven orts- und zeitunabhängigen Arbeitsbedingungen stand ein kaum messbarer Mehrwert im fachbezogenen Lernfortschritt entgegen. So dauerte es auch noch ein weiteres Schuljahr bis eine ganze Mittelstufenklasse als sogenannte „Tabletklasse“ eingerichtet wurde, um in einer mindestens zweijährigen Testphase Erfahrungen mit dem tabletgestützten Unterricht in allen Fächern zu sammeln. Auf die nun anstehende Evaluation darf man gespannt sein.

Natürlich hielt die Digitalisierung auch im allgemeinen Schulalltag Einzug. Mit der Einführung des Schülerdatenverwaltungssystems IBIS im Jahr 2000 wurden am Ende des Schuljahres 2000/01 erstmals Zeugnisse elektronisch erstellt und ausgedruckt. 2007 wurde die an Universitäten verbreitete Lernplattform Claroline installiert, die sofort von nahezu allen Kolleginnen und Kollegen und allen Lerngruppen akzeptiert und massiv genutzt wurde. Die Umstellung von Claroline auf die Lernplattform Moodle erfolgte dann vor allem aus administrativen Gründen genau zum Schuljahr 2015/16.

Als 2007 vom Kultusministerium verfügt wurde, dass halbjährlich für alle Schülerinnen und Schüler der Unter- und Mittelstufe der Lernfortschritt zu erfassen und eine Stärken- und Schwächenanalyse zu dokumentieren sei, sorgte die Schule mit einem nach eigenen Bedürfnissen geschriebenen Programm dafür, dass am Gymnasium Papenburg der verwaltungstechnische Aufwand für diese Dokumentation relativ gering gehalten werden konnte. Auch einige Grundschulen aus dem Einzugsbereich und einige Gymnasien übernahmen dieses Programm.

Zum Schuljahr 2012/13 wurden nach einer einjährigen Testphase die traditionellen Klassenbücher abgeschafft und durch das elektronische Informationssystem WebUntis ersetzt. Dieses System erlaubt Lehrern, Schülern und Eltern rund um die Uhr per PC oder Smartphone Zugriff auf persönliche Daten wie Stundenplan, Vertretungsplan, Unterrichtsinhalte, Hausaufgaben, Fehlzeiten und besondere Mitteilungen der Schule. Auch die Anmeldung neuer Schülerinnen und Schüler an der Schule funktioniert seit 2015 über das Internet, was eine enorme Erleichterung für die Verwaltung darstellt.

Als Letztes seien noch die elektronischen Wörterbücher erwähnt, die 2015 für die modernen Fremdsprachen am Gymnasium Papenburg eingeführt wurden und auch in den Abiturprüfungen zugelassen sind.

Natürlich präsentierte sich das Gymnasium Papenburg auch im Internet mit einer eigenen Website, die seit dem Jahr 2000 Herr OStR Rolf Drueppel aufbaute und bis 2018 täglich aktualisierte. Mit dem Ausscheiden von Herrn Drueppel ging die Verwaltung der Website auf Herrn StR Matthias Reike über, der die Website mit neuer Software auf den neusten Stand brachte und nahezu täglich über die aktuellen Ereignisse am Gymnasium Papenburg berichtet.

Heute möchte niemand aus der ganzen Schulgemeinschaft mehr Website, Notenerfassungsprogramme, die Lernplattform Moodle oder das Informationssystem WebUntis im Schulalltag missen.

Sicher ist, dass Schule und Unterricht in Zukunft ohne die modernen Technologien nicht mehr zu denken sind. Sicher ist auch, dass es immer noch massiv an didaktischen Konzepten für einen digital unterstützten Unterricht mangelt und dass unbedingt moderne Hardwareausstattung und professionelle Administration in den Schulen notwendig sind. Die Administration von derzeit etwa 270 Rechnern am Gymnasium Papenburg – damit liegt die Schule weit über dem niedersächsischen Durchschnitt – ist mit Bordmitteln nicht mehr zu leisten. Erste Schritte der Unterstützung hat der Schulträger mit der Anstellung hauptamtlicher Netzwerkadministratoren bereits unternommen. Weitere müssen folgen. Der 2019 beschlossene bundesweite Digitalpakt Schule eröffnet dafür weitere wichtige Möglichkeiten. Langsam werden nun auch andere Schulen den digitalen Level erreichen, den das Gymnasium Papenburg schon seit vielen Jahren und vor allem aus eigenem Engagement innehat.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass das Internet auch Gefahren birgt. Die Schule versucht dem entgegenzuwirken mit einem differenzierten Medienkonzept und seit dem Schuljahr 2018/19 mit ausgebildeten „Medienscouts“. Dies sind Schülerinnen und Schüler, vor allem aus dem Jahrgang 8, die nach einer intensiven professionellen Schulung jüngere Mitschüler – sowohl an unserer Schule als auch an den umliegenden Grundschulen – aufklären über Datenschutz, Cyber-Mobbing, Kettenbriefe oder ähnliche Gefahren. Dazu haben sie ein Trainingsprogramm entworfen, mit dem sie über mehrere Unterrichtsstunden das Verhalten im Internet schulen. Bei Bedarf stehen sie ihren Mitschülern auch für Einzelgespräche und Beratungen zur Verfügung.

17. Leichte Veränderungen

Noch vor der Jahrtausendwende gab es neben den Anfängen der Digitalisierung zwei weitere Neuerungen im schulischen Bereich. Zuerst mischte die 1996 durchgeführte Rechtschreibreform (mit ihrer neuerlichen Reform 2002) nicht nur bei den Deutschlehrerinnen und -lehrern sehr gemischte Gefühle aus, da sie deutliche Auswirkungen auf die tägliche Arbeit aller hatte. Und ab 1998 bildete der Beratungslehrer Herr OStR Engelbert Zumsande sogenannte Klassenpaten aus. Dies waren Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgängen 10 und 11, die jeweils zu zweit die Patenschaft für eine neue 5. Klasse übernahmen und den neuen Mitschülern bei allen Problemen und Sachfragen als erste Anlaufstelle dienten. Bis heute hat sich dieses System bewährt.

18. Die Einführung des Zentralabiturs

Das unterdurchschnittliche Abschneiden deutscher Schüler in der ersten, im Jahr 2000 durchgeführten PISA-Studie führte zu intensiven Diskussionen über die Leistungsfähigkeit des deutschen Schulsystems und vor allem zu zahlreichen Reformen. Eine dieser Maßnahmen war die Einführung des Zentralabiturs zum Schuljahr 2005/06. Waren bisher die jeweiligen Kurslehrkräfte dafür verantwortlich, geeignete Prüfungsaufgaben für das Abitur zu erstellen, die dann vom zuständigen Dezernenten geprüft und genehmigt werden mussten, so gab es nun zentrale, von Abiturkommissionen erstellte Aufgaben. Ziel war eine landesweite Vergleichbarkeit der Anforderungen und Leistungen in der Abiturprüfung.

Zum einen bedeutete dies zwar eine Entlastung der jeweiligen Kurslehrer, zum anderen war allerdings auch eine konsequente Orientierung des Fachunterrichts an klar festgelegten Curricula notwendig. Problematisch war, dass diese Curricula zu Beginn der ersten Semester, die vom Zentralabitur betroffen waren, größtenteils noch nicht vorlagen. So waren die Lehrerinnen und Lehrer vor allem auf ihre Erfahrung hinsichtlich der Unterrichtsinhalte verwiesen. In der Folge dann gab es allerdings für alle Fächer entsprechende Curricula, die sich aber in ihrer Deutlichkeit stark unterschieden und immer wieder überarbeitet werden mussten, da mehr und mehr der Schwerpunkt auch auf den sogenannten kompetenzorientierten Unterricht gelegt wurde.

Im Jahre 2006 wurde dann das erste Zentralabitur am Gymnasium Papenburg geschrieben.

19. Die eigenverantwortliche Schule

Eine noch größere Veränderung der Schule als die Digitalisierung brachte, ebenfalls in Folge des PISA-Schocks, die Einführung der „Eigenverantwortlichen Schule“ im Jahre 2007. Trug bis dahin die damalige Bezirksregierung in Gestalt des zuständigen Dezernenten die Verantwortung für das Schulgeschehen, so ging mit der Verwaltungsreform diese Verantwortung auf den örtlichen Schulleiter über, der nun zum Dienstvorgesetzten und Alleinverantwortlichen in allen Belangen der Schule wurde. Nur zentrale Aufgaben verblieben bei der neu geschaffenen Landesschulbehörde. Als Beispiel sei die Einstellung von Lehrkräften genannt: Im Regelfall wurde die Auswahl nach Zuweisung einer bestimmten Anzahl von Stellen nun direkt von der Schule getroffen, nur in klar definierten Mangelfächern behielt sich die Landesschulbehörde diese Auswahl vor. Auch für Bewährungsfeststellungen und Beurteilungen von Lehrkräften, für Beförderungen bis zum Oberstudienrat war nun der Schulleiter allein zuständig.

Wichtig war es vor allem, dass die Schule ein für sie verbindliches Leitbild formulierte und als Arbeitsgrundlage für die nächsten Jahre ein Schulprogramm entwarf. Bereits 2002 hatte die Gesamtkonferenz ein Leitbild für das Gymnasium Papenburg verabschiedet, das nun leicht modifiziert und zur Arbeitsgrundlage für das Schulprogramm wurde.

Auch die Rolle der Gesamtkonferenz änderte sich: War sie bisher das höchste Gremium in allen Bereichen, die die Schule vor Ort betrafen, gewesen, war sie nun nur mehr zuständig für pädagogische und unterrichtliche Belange. Alle anderen Entscheidungen oblagen nun dem Schulvorstand, der alle zwei Jahre neu gewählt wird und sich aus acht Vertretern des Kollegiums und acht Vertretern von Eltern und Schülern zusammensetzt. Den Vorsitz und damit die entscheidende Stimme hat der Schulleiter.

Seit 2012 existiert auch eine Steuergruppe, die sich aus engagierten Kolleginnen und Kollegen zusammensetzt und deren Aufgabe es ist, Prozesse im Rahmen der Schulentwicklung anzustoßen, zu planen und zu koordinieren.

Neben der Dynamik, die diese Veränderung in der Gestaltung von Unterricht und pädagogischem Wirken direkt am Gymnasium Papenburg auslöste, gab es aber auch gewaltige Veränderungen in den Rahmenbedingungen von Schule, die, ebenfalls ausgelöst vom sogenannten PISA-Schock, von der Kultuspolitik vorgegeben wurden.

19.1 Die Oberstufenreform: Die Profiloberstufe

Eine weitere Maßnahme im Rahmen der Einführung der eigenverantwortlichen Schule war im Schuljahr 2006/07 die Reform der Oberstufe, die nun als „Profiloberstufe“ bezeichnet wurde. Die Schule konnte bis zu fünf Schwerpunktprofile zur Wahl stellen, die alle verschiedene Belegungsverpflichtungen beinhalteten, die wiederum großenteils von der Schule definiert werden konnten. Von den fünf möglichen Profilen mussten das mathematisch-naturwissenschaftliche und das sprachliche Profil verpflichtend angeboten werden, das gesellschaftswissenschaftliche, das musisch-künstlerische und das sportliche Profil konnten je nach Leistungsvermögen der Schule zur Wahl gestellt werden.

Am Gymnasium Papenburg konnten die Schülerinnen und Schüler je nach Neigung zwischen allen Profilen wählen, waren dann aber zu ganz bestimmten Kursbelegungen gezwungen. Dazu kam, dass es nun nicht mehr drei bzw. fünfstündige Grund- und Leistungskurse gab, sondern nur mehr vierstündige Profilfächer, vierstündige Kernfächer (alle je nach Profil verpflichtend) und zweistündige Ergänzungsfächer (teilweise wählbar). Auch wurde ein verpflichtendes Seminarfach für vier Semester eingeführt, in dem wissenschaftspropädeutisch gearbeitet werden sollte. Und die Abiturprüfung musste jetzt nicht mehr in vier, sondern in fünf Fächern abgelegt werden: in drei Fächern schriftlich auf erhöhtem Niveau, in einem Fach schriftlich auf grundlegendem Niveau und in einem Fach auf grundlegendem Niveau in einer mündlichen Prüfung.

Aufgrund dieser Vorgaben erhöhte sich die verpflichtende Wochenstundenzahl für die Schülerinnen und Schüler auf 34 Stunden, was im Zusammenwirken mit der Einführung von G8 eine deutliche Steigerung der nachmittäglichen Unterrichtsverpflichtung zur Folge hatte.

19.2 G8 – G9

Die Einführung von G8 – dem Abitur nach acht Jahren Regelunterricht am Gymnasium – war eine weitere Folge des PISA-Schocks. Man meinte, Deutschlands Schülerinnen und Schüler verweilten im Vergleich mit dem restlichen Europa zu lange auf der Schulbank, müssten früher ins Studium oder Berufsleben einsteigen können. Auch die Leistungen sollten dem europäischen Schnitt angepasst werden. Das war das erklärte Ziel der Reform. Dazu war natürlich eine Komprimierung des Unterrichts notwendig, denn es sollte ja nicht weniger Stoff vermittelt, das Niveau sogar gesteigert werden. Also blieb nur eine Erhöhung der verpflichtenden Wochenstundenzahl für die Schülerinnen und Schüler, und das bereits ab Jahrgang 5. Von der Kultusbehörde wurden die Wochenstunden in den Jahrgängen 5 bis 7 auf 32 Stunden, in den Jahrgängen 8 bis 10 auf 32 bis 34 Stunden festgesetzt. Jetzt war nicht nur für die Oberstufe, sondern auch für die Mittelstufe massiv Nachmittagsunterricht notwendig.

Aber auch die Fachcurricula für die einzelnen Jahrgangsstufen mussten angepasst und verändert werden, da sich auch die jeweiligen Jahreswochenstunden in den einzelnen Fächern geändert hatten.

Diese Arbeit oblag der Schule in ihrer Rolle als eigenverantwortliche Schule. Und das bedeutete langwierige Diskussionen um die Verteilung der Fachstunden auf die einzelnen Jahrgänge und vor allem sehr zahlreiche Fachdienstbesprechungen, um die schuleigenen Fachcurricula zu entwerfen und festzuschreiben. Es war eine Mammutaufgabe für das gesamte Kollegium, zusätzlich zum eigentlichen Kerngeschäft des Unterrichtens.

Für einen funktionierenden Stundenplan musste von Montag bis Freitag bis zur 8. Stunde, manchmal auch unter Einbeziehung der Mittagspause, geplant werden, so dass alle Schülerinnen und Schüler der Oberstufe mindestens vier Nachmittage pro Woche in der Schule verbrachten, die Schülerinnen und Schüler der Sek I je nach Jahrgang zwei bis vier Nachmittage.

Insgesamt stieß diese Reform sowohl bei Pädagogen als auch bei Eltern und Kindern auf wenig Gegenliebe. Es war absehbar, dass die Belastung für die Kinder gewaltig steigen, die Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung außerhalb der Schule stark eingeschränkt würden. Diese Befürchtungen bestätigten sich dann auch in den Folgejahren, zusammen mit der Erkenntnis, dass die Reform auch nicht den gewünschten Effekt hinsichtlich Berufseinstieg und Verweildauer erzielt hatte. Das führte schließlich dazu, dass in Niedersachsen bereits 2016 wieder G9 eingeführt wurde, so dass 2021 das Abitur wieder nach 13 Jahren abgenommen werden wird. Dies wiederum bedeutet, dass es im Schuljahr 2019/20 keine Abiturprüfung geben wird.

Dafür war damals das Schuljahr 2010/11 das Jahr des Doppelabiturs: 2011 wurde zum einen das letzte Abitur nach dem Jahrgang 13 geschrieben, gleichzeitig legte der erste Jahrgang des neu eingeführten G8 die Abiturprüfung ab. Auch diese große Herausforderung für das gesamte Kollegium des Gymnasiums Papenburg wurde bravourös gemeistert.

Als kleine Fußnote sei erwähnt, dass StD Josef Simbeck in seiner Abiturrede 2010 der Hoffnung Ausdruck verlieh, dass die Einsicht, dass Bildung wichtiger sei als Ökonomie, wieder eine Rückkehr zu G9 ermögliche. Es hat dann nicht allzu lange gedauert!

19.3 Kompetenzorientierter Unterricht und Kerncurricula

Kaum waren von den Kolleginnen und Kollegen die Fachcurricula für die neuen Gegebenheiten von G8 erarbeitet, so kam der nächste Reformschritt. Der Unterricht sollte sich nun weniger an Sachthemen als an Kompetenzen orientieren. Wichtige Fachkompetenzen könnten mit den verschiedensten Sachthemen vermittelt werden, wichtig seien vor allem die Kompetenzen, so die Kernaussage.

Nun waren wieder die Fachkonferenzen am Gymnasium Papenburg gefordert: Sie mussten die jüngst erstellten Fachcurricula hinsichtlich der durch die Sachthemen vermittelbaren Kompetenzen durchforsten, Schwerpunkte und Kompetenzen neu formulieren, auch manches streichen. Zugleich wurden die Kerncurricula für die Oberstufe immer weniger aussagekräftig hinsichtlich der zu vermittelnden Sachinhalte, so dass sich für die Fachgruppen wieder gesteigerter Beratungs- und Planungsbedarf ergab. All das bedeutete massiven zusätzlichen Arbeitsaufwand für Schulleitung und Kollegium. Aber auch hier setzt sich langsam in der Schulpolitik allmählich die Erkenntnis durch, dass für den Erwerb von Kompetenzen ein anspruchsvoller und genau definierter Sachunterricht unverzichtbar ist.

20. Erweiterung und Umgestaltung

Nicht nur die Schulstruktur, sondern auch die äußeren Gegebenheiten mussten den veränderten Bedingungen angepasst werden.

Eine der ersten Maßnahmen war die Umgestaltung des Gartengeländes vor der Schule und später dann des Innenhofes. 2002 entwarfen die Kunst- und Biologiekurse unter Federführung von Frau OStR‘ Ute Neufeldt-Nehe und Herrn StD Jörn Peters mehrere Modelle zur Umgestaltung des Vorgartens. Der durch eine schulweite Abstimmung favorisierte Entwurf wurde dann im folgenden Jahr mit großem Arbeitseinsatz des Kollegiums und mit massiver Unterstützung von Eltern und Schülern umgesetzt. Die Zimmermannsklasse der BBS baute die Brücke über den Teich und die Pergola vor dem damaligen Haupteingang, die Firma Borchers unterstützte bei den Erdarbeiten und die Gartenbauzentrale überließ der Schule günstig Pflanzen. Seit dem Schuljahr 2003/04 wächst und gedeiht nun der Garten.

Besuchten bis 2004 immer so etwa 1100 Schülerinnen und Schüler das Gymnasium Papenburg, so schnellten 2004 mit der Abschaffung der Orientierungsstufe und der Verlagerung der Jahrgänge 5 und 6 an das Gymnasium die Schülerzahlen auf etwas mehr als 1300 Schülerinnen und Schüler hoch.

Dies hatte nicht nur eine akute Raumnot zur Folge, die nur gelindert werden konnte, indem der Jahrgang 9 in die Räume der ehemaligen Orientierungsstufe an der benachbarten, damaligen Realschule ausgelagert wurde, sondern auch die äußerst beengten Verhältnisse im Lehrerzimmer wurden langsam so untragbar, dass der Gedanke an einen Erweiterungsbau aufkam. Befeuert wurden diese Überlegungen noch durch die Überlegungen der Schulleitung, die Schule als offene Ganztagsschule zu definieren, falls für die Schülerinnen und Schüler eine Mensa geschaffen werde. Das Kollegium und die Elternschaft konnten diesen Plan mittragen, da durch die Oberstufenreform und die Umstellung auf G8 sowieso wesentlich mehr Nachmittagsunterricht stattfinden würde. Schließlich stimmt der Landkreis Emsland als Schulträger 2005 einem Erweiterungsbau zu und begann 2006 mit dem Bau eines neuen Verwaltungstraktes mit Lehrerzimmer und Mensa. Die Mensa ist mit ihrem Verpflegungsangebot, dem großzügigen Raumangebot für Konferenzen und den Möglichkeiten zum entspannten Aufenthalt für alle Schülerinnen und Schüler als großer Gewinn für die Schule zu werten.

Durch Umgestaltung der alten Verwaltungsräume und des alten Lehrerzimmers wurden ein Konferenzraum, Arbeitsräume für das Kollegium und zwei weitere Unterrichtsräume gewonnen. Der baldige Wegfall des Jahrgangs 13 – durch die Umstellung auf G8 – und das Aufwachsen geburtenschwächerer Jahrgänge schienen die Möglichkeit zu bieten, das Raumproblem in den Griff zu bekommen. Auch die Neugründungen der Gymnasien Dörpen und Rhauderfehn zum Schuljahr 2004/05 brachten eine gewisse Entspannung der prekären Raumnot. Im Sommer 2007 wurden dann die neue Mensa, die neuen Schulleitungsräume und das neue Lehrerzimmer in Betrieb genommen und feierlich eingeweiht. Der neue Trakt bietet Schülern und Lehrern wesentlich verbesserte Arbeitsbedingungen, auch wenn das Lehrerzimmer für die gegenwärtig 91 regulär beschäftigten Kolleginnen und Kollegen und die zurzeit 16 Referendarinnen und Referendare fast schon wieder zu eng wird.

Im Zusammenhang mit der erheblich größeren Zahl an Klassen in der Mittelstufe bot es sich an, im Vorfeld der Baumaßnahmen den Innenhof der Schule neu zu gestalten, da später kaum mehr ein Zugang für schwere Maschinen möglich sein würde. Da der Schulträger die Notwendigkeit einer Umgestaltung nicht unbedingt nachvollziehen konnte, musste die Schule versuchen, die notwendigen Mittel und Arbeitskräfte selbst zu beschaffen. Erinnerungswert der Kommentar eines „neuen“ Fünftklässlern zum Innenhof: „Da kann man ja nur spazierengehen!“ Wiederum gelang mit Unterstützung der Eltern und elterlicher Betriebe die Umsetzung des Vorhabens, wobei der Schulträger dann doch noch finanzielle Unterstützung gewährte. 2008 war dann kurz nach der Einweihung des Erweiterungsbaus mit der Mensa auch die Umgestaltung des Innenhofes abgeschlossen, der nun neben einem Grünbereich vor allem den Mittelstufenschülern Sportgeräte wie Klettergerüste und Tischtennisplatten zur Verfügung stellt.

21. Die Schulinspektion 2008

Eine weitere Folge des Umbaus der Schullandschaft zur eigenverantwortlichen Schule war die Einführung der Schulinspektion. Ab 2005 sollten alle allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen von einem Inspektorenteam begutachtet und hinsichtlich Stärken und Schwächen analysiert werden. Auf Basis dieser Ergebnisse sollte dann eine Beratung stattfinden, um Wege der Weiterentwicklung der Schule aufzuzeigen.

Das Gymnasium Papenburg hatte das Glück, erst als eines der letzten Gymnasien in Niedersachsen vom Inspektorenteam besucht zu werden. Damit war Zeit gewonnen, Erfahrungen einzuholen und sich auf die Inspektion vorzubereiten. 2008 war es dann soweit. Schon Wochen vorher hatte sich das Inspektorenteam in verschiedenste Daten aus Schulorganisation, Verwaltung und Unterricht eingearbeitet und sich so ein erstes Bild von der Schule gemacht. Im September dann stand die Inspektion vor Ort an. Gespräche mit Lehrern, Eltern und Schülern wurden geführt, mehr als die Hälfte aller in dieser Woche stattfindenden Unterrichtveranstaltungen besuchten und bewerteten die Inspektoren. Es war eine insgesamt spannende Woche, der man allgemein mit durchaus gemischten Gefühlen entgegengesehen hatte.

Umso erfreulicher war das Ergebnis, das das Inspektorenteam nach einer Woche präsentierte. Zwar gab es kein offizielles Ranking der inspizierten Gymnasien, aber inoffiziell wurde der Schule bestätigt, dass sie zu den Top-Ten unter den knapp 300 niedersächsischen Gymnasium gehört, eine Wertung, auf die die Schulgemeinschaft zu Recht sehr stolz sein kann. Diese Aussage war umso tragfähiger, da das Gymnasium Papenburg als eines der letzten Gymnasien der Inspektion unterzogen worden war.

22. Schul- und Unterrichtsentwicklung

Der 2014 in Kraft gesetzte Orientierungsrahmen Schulqualität schuf zwar die rechtliche Grundlage für unzählige Veränderungen und Aktivitäten, doch wurde am Gymnasium Papenburg schon seit der Formulierung des Leitbildes im Jahre 2002 kontinuierlich an der Gestaltung der eigenverantwortlichen Schule gearbeitet. Es ist unmöglich, all das zu verdeutlichen, was vom Kollegium und der Schulleitung in all den Jahren bewegt worden ist, doch mag in einer wenn auch fast stichwortartigen Aufzählung ein Eindruck von den vielfältigen Aktivitäten vermittelt werden.

Orientierungsrahmen Schulqualität in Niedersachsen als Grundlage der Qualitätsentwicklung an allgemeinbildenden Schulen

RdErl. d. MK v. 16.7.2014 (SVBl. S. 442) – 31-81 821-1 – VORIS 22410

  1. Für die öffentlichen allgemeinbildenden Schulen ist der Orientierungsrahmen Schulqualität in Niedersachsen mit seinen Qualitätsbereichen und Qualitätsmerkmalen ein unterstützendes Instrument für die nach dem Niedersächsischen Schulgesetz vorgesehene selbstorganisierte und selbstverantwortete Schulentwicklung. Die im Orientierungsrahmen Schulqualität in Niedersachsen formulierten Merkmale bilden Regelungen aus Gesetzen, Verordnungen und Erlassen ab.
  2. Die Qualitätsmerkmale geben Orientierung für die Verständigung innerhalb der Schule über die Ausgestaltung schulischer Prozesse sowie deren kontinuierliche Verbesserung. Ausgehend von dem im Orientierungsrahmen Schulqualität in Niedersachsen dargestellten Qualitätsverständnis legt die Schule im Schulprogramm fest, welches Leitbild und welche Entwicklungsziele die pädagogische Arbeit und die sonstigen Tätigkeiten der Schule bestimmen.

Da sind zum Beispiel die umfangreichen Aktivitäten des Fachs Musik, der sich mit öffentlichen Auftritten der Big Band und jährlichen großen Konzerten im Sommer und zu Weihnachten als Aushängeschild der Schule etabliert hat. Dabei sorgt die Einrichtung von Musikpraxisklassen ab dem Jahrgang 5 für beständigen Nachwuchs an qualifizierten jungen Musikern.

Herausragend sind auch die Erfolge der AG-Arbeit des Fachs Sport, die immer wieder auf Bezirks- und Landesebene vor allem im Fußball, aber auch im Tennis erzielt werden.

Vor allem aber ist erwähnenswert die Profilierung der Schule an sich: Ihr Prädikat als Europaschule hat sie sich erworben durch ihre Zusammenarbeit mit anderen Schulen in Europa, so zuerst mit Partnerschulen in den Niederlanden, Frankreich und England, später dann mit neuen Beziehungen in Polen und Frankreich und mit der Teilnahme an einem Erasmus+-Projekt, in dem drei Jahre mit Schulen aus Irland, Italien und Portugal an einem Forschungsprojekt zur Nanotechnologie gearbeitet wurde.

Als Humanitäre Schule wurde sie ausgezeichnet wegen ihres Engagements von Schülergruppen in der Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit.

Besonders herausragend war die Aufnahme des Gymnasiums Papenburg in den Kreis der MINT-EC-Schulen, in den nur Schulen aufgenommen werden, die sich besondere Verdienste um die Förderung von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) erworben haben. Ein bedeutender Schritt dorthin war im Jahr 2016 die Einrichtung eines Schülerlabors Physik, in dem mit Unterstützung von Universitäten auf fast schon universitärem Niveau physikalische Phänomene erforscht und Versuche durchgeführt werden können. Nur zehn Bildungseinrichtungen in Deutschland verfügen über eine solche Ausstattung. 80 000 € wurden dafür durch verschiedenste Aktivitäten von der Schule selbst aufgebracht, weitere 80 000 € steuerte der Landkreis Emsland bei.

Nicht vergessen werden dürfen die Erfolge, die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Papenburg bei Wettbewerben erzielten: Nicht nur, dass das Gymnasium Papenburg Veranstaltungen zur Mathematik-Olympiade ausrichtet, seit vielen Jahren werden auch Schülerinnen und Schüler unserer Schule zum Landesfinale nach Göttingen eingeladen, wo sie mehrmals Silber- und Goldmedaillen erringen konnten. Der größte Erfolg ist wohl die Teilnahme am Bundesentscheid der Mathematik-Olympiade durch eine Schülerin, die sich seit 2016 jetzt schon zum vierten Mal für dieses Finale qualifiziert hat.

Ein anderer großer Erfolg war die Auszeichnung beim WettbewerbJugend forscht“, bei dem die Entwicklung einer App zur Datenerfassung bei Multiple-Sklerose-Erkrankungen sogar zu einer Einladung zum Weltkongress nach Japan führte.

Insgesamt hat sich das Gymnasium Papenburg die Förderung von Schülerinnen und Schülern auf die Fahnen geschrieben. Das ist zum Beispiel bei Lernproblemen der freiwillige Förderunterricht in verschiedenen Kernfächern, der eine Zeit lang von Schülerinnen und Schülern der Oberstufe, in letzter Zeit aber ausschließlich von Lehrerinnen und Lehrern erteilt wird. Auch eine Hausaufgabenbetreuung durch Lehrerinnen oder Lehrer für die Jahrgänge 5 und 6 kann in Anspruch genommen werden.

Zum anderen aber werden auch besonders begabte und interessierte Schülerinnen und Schüler gefordert und gefördert. Der Science Club bietet Oberstufenschülerinnen und -schülern außerhalb des Unterrichts die Möglichkeit, naturwissenschaftliche Phänomene tiefgehend zu durchdringen. Exkursionen führten dabei zum Beispiel nach Skandinavien und nach Island. Für die Mittelstufe bietet die Robotik-AG vielfältigste Möglichkeiten, in den modernen Technologien Erkenntnisse zu gewinnen und kreativ zu werden.

Insgesamt organisiert und koordiniert das Gymnasium Papenburg den Kooperationsverbund Begabungsförderung, in dem die umliegenden Grundschulen und auch andere allgemeinbildende Schulen organisiert sind. Im Rahmen dieses Verbundes kommt es zu einer intensiven Zusammenarbeit, z. B. durch die Tage der Physik oder Chemie für Grundschulen und durch die Science Show am Gymnasium Papenburg oder durch Lese- und Mathematikförderung an den Grundschulen durch Schülerinnen und Schüler unserer Schule.

Die durch diese Aktionen erzielte Verankerung in der Stadtöffentlichkeit wird noch verstärkt durch die jährliche Durchführung eines Schnuppertages, an dem sich angehende Gymnasiasten, aber auch die Öffentlichkeit über das Angebot der Schule informieren können.

Im Bereich des täglichen Unterrichts sei vor allem verwiesen auf die Nutzung von Aktivboards und Lernplattformen, die inzwischen den Unterrichtsalltag beherrschen. Und natürlich ist auch hinzuweisen auf die Einführung des „Classroom Managements“. Seit einigen Jahren werden die Lehrerinnen und Lehrer für den neuen Jahrgang 5 in einer speziellen Fortbildung darin geschult, Techniken und Strategien einzusetzen, die die Ordnung aufrechterhalten, die helfen, mit Problemen umzugehen, vor allem aber die Lernmotivation von Schülern fördern.

Erwähnenswert ist außerdem die äußerst fruchtbare Zusammenarbeit mit dem 2004 eröffneten Gymnasium Dörpen, bei der sogar ein zeitweiser Austausch von Lehrerinnen und Lehrern stattfindet.

22.1 Misserfolge?

Natürlich gab es auch Bestrebungen der Schulleitung, die nicht umgesetzt werden konnten: So scheiterte zum Beispiel 2011 die Umstellung auf 60-Minuten-Einheiten an Stelle der 45-minütigen Unterrichtsstunden am Widerstand des Kollegiums. Im Nachhinein ist dies wohl als Glücksfall zu werten, da die Reform der Reform, die Rückführung auf G9, den meisten Argumenten für die Umstellung die Grundlage entzog.

Eine probeweise Einführung einer teilgebundenen Ganztagsschule zum Schuljahr 2015/16, in der eine Klasse des Jahrgangs 5 an drei Tagen in der Woche verpflichtend unterrichtet wurde und dabei auch gemeinsam zu Mittag aß, stellte sich als dauerhaft nicht praktikabel heraus, da nach anfänglicher Begeisterung an der Nachmittagsbetreuung das Interesse von Eltern und Schülern so stark zurückging, dass der Versuch nach dem zweiten Jahr wieder eingestellt wurde.

23. Neue Herausforderungen

Ab 2015 stellten sich unerwartet neue Herausforderungen an die Schule: Die Inklusion hielt Einzug. Die Ausstattung der ganzen Schule und die Einrichtung einzelner Räume musste den besonderen Bedürfnissen angepasst werden, Lehrer mussten fortgebildet werden, Förderbedarf musste erhoben und begründet werden, Unterrichtsbegleiter für einzelne Schülerinnen und Schüler mussten angefordert und eingebunden werden.

2017 wurde die schuleigene Turnhalle, die jahrzehntelang ihren Dienst getan hatte und erst renoviert worden war, abgerissen, da sie plötzlich den neuen statischen Anforderungen nicht mehr genügte. Als Folge wurde ein großer Teil des Sportunterrichts an die Pestalozzischule und die Berufsschule ausgelagert, was erheblichen planerischen Aufwand bedeutete. Aber der Schulträger beeilte sich. Die Bauplanungen gingen schnell voran, im Sommer 2018 wurde mit dem Neubau begonnen, Ende 2019 soll die neue Halle in Betrieb genommen werden.

2017 dann kam die nächste Schwierigkeit. Als Folge der desaströsen Unterrichtsversorgung der Grundschulen verfügte das Kultusministerium, dass zum Schuljahr 2017/18 zahlreiche Kolleginnen und Kollegen stundenweise vom Gymnasium an die Grundschulen abzuordnen seien. In einem ersten Schub mussten 75 Unterrichtsstunden an die Grundschulen verlagert werden. Im Schuljahr 2018/19 erhöhte sich diese Zahl auf 125 Wochenstunden.

Gleichzeitig stellte sich mehr und mehr heraus, dass der Kunsttrakt, der seit seiner Errichtung 1962 nicht mehr renoviert worden war, in keiner Weise mehr den energetischen Anforderungen genügen konnte. Auch machte sich wegen der veränderten Fachstundenzahlen und der erhöhten Übergangszahlen ans Gymnasium wieder ein massiver Raummangel bemerkbar, der 2020 mit dem wieder eingeführten Jahrgang 13 nicht mehr zu verwalten sein wird. Deswegen wurde vom Schulträger einem Erweiterungsbau zugestimmt. Ein neuer Bau mit zentralen naturwissenschaftlichen Räumen und einem Kunst- und Musikbereich soll am Ort der abgerissenen Turnhalle entstehen. Wie das Platzproblem bis zur Fertigstellung gelöst werden kann, ist noch offen.

24. Führungswechsel

Die Lösung all dieser Aufgaben liegt nun in neuen Händen. Im Sommer 2017 wurde der langjährige Schulleiter, Herr OStD Norbert Lamkemeyer, mit einem großen Fest in den Ruhestand verabschiedet. Seit dem Jahr 2000 hatte er die Geschicke der Schule geleitet und den Umbau zur eigenverantwortlichen Schule mit großem Einsatz vorangetrieben, nachdem er bereits seit 1996 in der Schulleitung tätig gewesen war. In der folgenden fast halbjährigen Vakanz leitete bis kurz vor seinen Eintritt in den Ruhestand im Januar 2018 sein ständiger Vertreter, Herr StD Josef Simbeck die Schule. Herr Simbeck hatte 24 Jahre, zuerst unter OStD Paul Adams, dann unter OStD Norbert Lamkemeyer, die Stelle des ständigen Vertreters des Schulleiters bekleidet. Die Nachfolge haben nun seit Dezember 2017 Herr OStD Theo Hockmann und seit Februar 2018 Herr StD Thomas Claußen angetreten.

Im Februar 2011 verstarb plötzlich und völlig unerwartet kurz vor ihrem Eintritt in den Ruhestand Frau StD‘ Christine Koch (Mitglied der Schulleitung seit 1993). Ihr alle schockierender Tod löste große Betroffenheit aus und hinterließ eine schwer zu füllende Lücke in der Schule. 2004 wurde Herr StD Dieter Paul nach Osnabrück versetzt, zum Februar 2009 Herr StD Horst-Dietrich Boestfleisch (Mitglied der Schulleitung seit 1980) in den Ruhestand verabschiedet, und am 01.02.2014 übernahm Frau StD‘ Katrin Gaus (Mitglied der Schulleitung seit November 2002) die Leitung des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Wolfsburg.

Die gegenwärtige Schulleitung wird nun neben dem Schulleiter Herrn OStD Theo Hockmann und seinem ständigen Vertreter Herrn StD Thomas Claußen gebildet von Frau StD‘ Hilke Jansen (seit August 2011), Frau StD‘ Doris Kruse-Bohse (seit August 2014), Herr StD Achim Langendörfer (seit April 2005) und Herrn StD Dr. Thomas Lübben (seit Februar 2009).

Zum Frühjahr 2019 zählt die Schule 1014 Schülerinnen und Schüler, das Kollegium besteht aus 91 Lehrerinnen und Lehrern, davon 54 Frauen, und 16 Studienreferendarinnen und-referendaren.

 

Quelle: Die persönlichen Erinnerungen und Aufzeichnungen eines langjährigen stellvertretenden Schulleiters.

Noch eine persönliche Anmerkung: In all den Jahren war es mir eine Freude und Befriedigung, mit so engagierten Kolleginnen und Kollegen arbeiten zu dürfen. Ich bin sicher, dass mit einem solchen Kollegium auch die nächsten 25 Jahre des Gymnasiums Papenburg eine Erfolgsgeschichte werden können.